Vielleicht war Meinungsfreiheit durch das World Wide Web in der Tat jedem Menschen erschwinglich geworden.
Hinz war bei einem dieser Dienste, die unter dem Oberbegriff Soziale Medien zusammengefasst wurden, und veröffentlichte unter dem Pseudonym BodyCount ein munteres Durcheinander von Kochrezepten, Verschwörungstheorien über die Nahrungsmittelindustrie, Statusberichten aus der Muckibude, und gab Auskunft über das täglich wechselnde, meist hohe Gewicht seines Körpers.
Kunz, eine Foto-Bloggerin, die sich selbst DieWahreWare nannte, publizierte quadratische Fotos ihrer Füße, getragener Unterwäsche, die sie im Moment des Fotos nicht am Leibe hatte, und ihres 60 Jahre alten Körpers, bekleidet mit durchaus alltagstauglichen und zugleich eleganten Klamotten, ohne dass man auf irgend einem ihrer Fotos ihr Gesicht erkennen konnte.
Frau Puvogel hatten einen Account beim größten Video-Dienst und publizierte munter drollige Katzenvideos von den Katzen anderer Leute, auf fremden Accounts geborgt, einige aber auch von ihrer eigenen Katze, eigenhändig gedreht mit wackeliger Kamera bei schlechter Beleuchtung.
Vielleicht bestand die neue Meinungsfreiheit darin, möglichst viele Klicks zu erhalten, indem man möglichst unterhaltsam, attraktiv und zugleich harmlos und belanglos war.
Allerdings waren es vorrangig Anbieter von Waren und Dienstleistungen, die sich des neuen Mediums bedienten, nicht mit dem Ziel der Meinungsfreiheit, sie hatten Monetarisierung im Sinn. Oder vielleicht bestand die neue Meinungsfreiheit darin, die angebotenen Produkte und Dienstleistungen zu kommentieren und zu bewerten. Behörden, Rundfunkstationen, NGOs, Musiker, Politiker, Künstler, Verlage—alle hatten jetzt Webauftritte, auf denen die Organisationen und Personen sich selbst, wie sie gerne gesehen werden wollten, und die von ihnen angebotenen Produkte präsentierten, seien es nun Waren, Dienstleistungen oder Meinungen. Niemanden interessierten die angeberischen Über-uns-Seiten, man wollte schnell erfahren, was es kostete, was es wirklich kostete, aber keine Webseite rückte damit umstandslos heraus.