Inzwischen kannte er den Ablauf. Er hatte bereits früh bemerkt, dass Savasana, die Totenstellung, die Haltung der Leiche, die letzte Stellung einer jeden Übestunde war. Seine ganz persönliche Lieblingsstellung, die Belohnung für den ganzen Quälkram und die Langeweile. Und jetzt seid ihr eingeladen, wieder die Augen zu öffnen, danz sanft. Schade eigentlich, hätte gerne noch etwas länger dauern dürfen. Er riss die Augen auf und erhob sich. Und erschrak selbst über das Geräusch, das seine Kleidung dabei machte.
Die Matten-Nachbarin zuppelte an seinem rechten Hosenbein. Sie saß im Schneidersitz und machte ihm mit der flachen Hand ein Zeichen, das wohl bedeuten sollte, er möge sich ebenfalls setzen. Blöd, peinlich, doof, er konnte sich die ganzen Rituale einfach nicht merken. Er war ein grober Klotz, ein Rabauke, unfreiwillig ein Störer des schönen Friedens. Wieder sitzend, flüsterte er der Nachbarin eine Entschuldigung zu, doch die wehrte freundlich und behutsam ab und bat ihn, still zu sein, wieder rein in Zeichensprache. Ja, natürlich, in der Turnhalle galt das edle Schweigen. Schien aber gar nicht verärgert zu wirken.
Die Yogalehrerin wartete, bis die tiefe Stille von Savasana, die Stille der Leichenhalle, die Totenstille, wieder eingekehrt war. Dann deklamierte sie:
Yoga ist kein Sport, Yoga ist innere Arbeit. Wir dehnen, kräftigen und entspannen unseren Körper und zugleich dehnen, kräftigen und entspannen wir unseren Geist. Wir praktizieren Yoga hier an diesem Ort, um vorbereitet zu sein für das heilige Yoga-Studio: die Welt, den Ort, an dem unser Yoga wirklich gefordert ist. Wir praktizieren Yoga hier in dieser Abgeschiedenheit als Vorbereitung auf und als Stärkung für das Tohuwabohu des täglichen Tags. Mögen wir das, was wir hier erwerben, großzügig mit der Welt teilen und ihr Wärme, Weite, Stärke und Entspannung schenken.
Und nachdem sie dieses in ihrer pathetischen Manier rezitiert hat, nimmt den kleinen Schlägel des Klangschälchens hoch, schaut bedeutungsschwer in die Runde, das fühlt sich an, als ob es mehrere Stunden dauerte, als ob sie jede und jeden einmal gewissenhaft ansähe, unheimlich viel Zeit lässt sie sich, es dauert vielleicht mehrere Minuten, quälend lange, und nur knapp zwei Jahre danach hängt sie an: Um uns daran zu erinnern, das wir das, was wir hier machen, nicht nur für uns selbst machen. Und endlich der Gong, man darf aufstehen, in die Umkleide, raus aus den peinlichen Yogaklamotten, Jacke über und rein in das hundertpro verdiente Feierabendbier.