Zum Inhalt springen
Zurück

Meditation

Zuletzt geändert:

Mit geschlossenen Augen im Yogasitz atmen. Ansage des Vorbeters. Er ließ die Augen offen und schaute sich um. Alle saßen mit geradem Rücken brav im Yogasitz, hielten die Augen geschlossen oder sahen vielleicht zu Boden und atmeten. Nun gut. Ergeben schloss er seine Augen.

Beim ersten Atemzug war ihm, als ob seine Lunge zu klein wäre, vielleicht weil er aufgeregt war, und auch bei den nächsten Atemzügen war ihm die Luft knapp. Aber langsam wurde es besser, vielleicht vergrößerte sein Lungenvolumen sich ganz allmählich wieder. Nach einigen Minuten hatte er seinen normalen Atem zurück, und die Luft wurde besser.

Da saß er nun, in einem Yogasitz, der ihm irgendwie improvisiert vorkam, hielt die Augen geschlossen und atmete, wie alle anderen. Niemand sprach. Von der Straße her das Geräusch eines anfahrenden Busses. Im Raum die reine Langeweile, keine Bewegung. Draußen schrieen ein paar pubertierende Mädchen Unverständliches. Drinnen passierte überhaupt und gar nichts. Was das dauerte. Er überlegte, wieviel Zeit schon vergangen sein mochte. Wenn er pro Atemzug 10 Sekunden brauchte, dann wären zehn Atemzüge eine Minute. Er müsste also nur seine Atemzüge zählen. Eins. Aus. Zwei. Aus. Drei. Aus. Nein, falsch, nicht zehn, sondern sechs Atemzüge wären eine Minute.

Plötzlich erschrak er über ein Geräusch im Raum. Er öffnete die Augen und sah, wie eine junge Frau zwei Reihen vor ihm ein Taschentuch aus ihrem Blouson fummelte, ganz vorsichtig, absolut behutsam, aber etwas Rascheln war natürlich unvermeidbar. Das Rascheln eines gebrauchten Papiertaschentuches, das behutsam aus einer Jackentasche gezogen wurde, hatte ihn so tüchtig erschreckt.

Nach jeweils sechs Atemzügen wüsste er, dass er eine Minute im Kasten hatte, vorausgesetzt, dass er pro Atemzug tatsächlich genau zehn Sekunden brauchte, nicht ganz genau, aber ziemlich genau. Er müsste ermitteln, wie lange er pro Atemzug brauchte, alles Weitere wäre nur noch Dreisatz. Er müsste seine Atemzüge stoppen. Mit der Stoppuhr seines Handys sollte das schnell gemacht sein. Er müsste nur den Reißverschluss der Hosentasche öffnen, schon könnte er das Handy aus der Tasche ziehen. In der knackigen Stille dieses Raumes würde der Reißverschluss allerdings möglicherweise ziemlich laut erscheinen. Wie also kam er an das Handy? Den Raum verlassen unter dem Vorwand, auf die Toilette zu müssen? Ginge das? Es wäre vielleicht ein allzu krasser Verstoß gegen die Etikette. Er war neu hier, er wusste es nicht. Könnte er als Entschuldigung vortragen. Aber im Grunde genommen hatte er doch ganz klar das Gefühl, dass er das einfach nicht tun sollte, aufstehen, rausgehen. Und selbst wenn er an das Handy herankäme irgendwie – es machte immer einen kleinen Ton, wenn man es einschaltete. Hatte er es überhaupt stumm gestellt? Natürlich nicht, man konnte ja nicht vorhersehen, dass man seine Atemzüge würde stoppen müssen. Und das Handy piepte doch auch, wenn er irgendwelche Tasten drückte? Bei jeder App oder nur bei bestimmten? Oder vibrierte es nur? Dass er das nicht wusste. Schon krass. Und würde selbst das Vibrieren eines stummgestellten Handys nicht auch ziemlich laut erscheinen? Wenn man mal an das Geräusch des Papiertaschentuchs dachte. Konnte er das Handy überhaupt bedienen, ohne dass es Töne von sich gab? Man benutzt das Ding x-mal am Tag, und wenn es drauf ankommt, hat man keine Ahnung, ob das Ding Geräusche macht, welche, und wann. Aber eines war klar: wenn es Töne machte, würde man die Anderen sicher in ihrer Versenkung stören. Ein zarter Gong holte ihn zurück in die Gegenwart. Er öffnete die Augen und sah, wie der Vorbeter einen Klöppel hielt, bis der Gong ausgeklungen war, und ihn dann in eine Schale zurücklegte.


Schlagworte