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Haltung, innere

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Den Atem empfangen. Shunyas Worte. Für Webster ein inspirierender Schock, eine schockierende Inspiration, wie ein unverhoffter Frühlingstag, und auch an diesem Frühlingstag führte er, wie immer, die Anleitungen gewissenhaft und präzise aus. Doch anders als der Atem kamen und gingen die Asanas nicht von selbst, er musste seine Gliedmaßen selbst bewegen, musste es wollen, den Willen in die Knochen schicken und so die Knochen in Bewegung bringen und in Position halten. Und zugleich war sein Yoga heute nicht mehr so stark von Anstrengung durchdrungen, die Asanas waren ihm etwas selbstverständlicher geworden. Er hatte nicht mehr so stark das Gefühl, mit Willenskraft gegen einen Widerstand anzuarbeiten, es war jetzt etwas Leichtigkeit in allem, wenn auch vielleicht nur ein ganz kleines bisschen.

Und da war er auch schon, der Dehnungsschmerz, sein Quälgeist und Yoga-Kumpel, den Er ebensosehr liebte wie die Langeweile und das Kauderwelsch der Yogalehrerinnen. Und doch schien er unweigerlich dazuzugehören. Ohne Schmerz war scheiß Yoga kein Yoga. Er bemerkte seinen Ärger, fast schon Wut. Tatsächlich hasste er diesen Schmerz. Er lehnte ihn ab und hasste ihn. Wie könnte es auch anders sein? Das war schon immer so. Jeder normale Mensch lehnte Schmerz ab und hasste ihn.

Wie aber, wenn er eine andere innere Haltung zum Schmerz einnehmen könnte? Wenn er den Schmerz empfinge und einfach beobachtete? Also bitte, wie kam er denn auf die Idee? Vielleicht war es ihm von alleine oder durch Zufall eingefallen, vielleicht hatte er an Shunyas Worte gedacht? Wie kam man auf Ideen? Webster wusste es nicht und kannte auch keinen, der es wusste. Hoffentlich kann uns irgendjemand irgendwann einmal erklären, wie ein Mensch auf Ideen kommt.

Ein spannendes Problem, eine super Denksport-Aufgabe! Wie kommt man auf Ideen? Gut geeignet gegen die Langeweile. Webster war nahe daran, sich diese Aufgabe vorzuknöpfen, sie war wirklich faszinierend. Doch ein neuer Gedanke legte sich von oben über das Problem: Vielleicht spielt es keine Rolle, wie man auf eine Idee gekommen ist. Viel wichtiger war vielleicht, ob die Idee was taugte.

Auch dieser Frage hätte man sich ganz grundlegend und von oben herab nähern können. Webster versäumte allerdings diese herrliche Gelegenheit, sich ein neues Denksport-Problem vorzulegen. Zu sehr war er eingenommen von dem Vorschlag, den dieser Gedanke zu enthalten schien, die Brauchbarkeit der Idee zu prüfen. Intuitiv, noch bevor er Gelegenheit hatte, darüber nachzudenken, also ohne darüber nachzudenken, hatte er den Vorschlag für gut befunden und ihn angenommen. Das war ein geheimer Ablauf, ein Vorgang hinter den Kulissen, der vollzog sich autonom und rasch und ging schob sich elegant an seiner Aufmerksamkeit vorbei, dass wir an dieser Stelle eine Wiederholung in Zeitlupe zwischenschieben mussten, die uns vielleicht etwas klarere Sicht auf die Vorgänge verschafft, wie bei einem Foul in einem Bundesligaspiel. Webster wurde förmlich von seiner eigenen Intuition gefoult, und bevor er wusste, wie ihm geschehen war, lag er auf dem Rasen und fragte sich, ob es vielleicht denkbar wäre, den Yogaschmerz nicht da priori und pauschal abzulehnen, sondern ihn erstmal zu akzeptieren, selbstverständlich nur vorübergehend, und nur, um ein wenig Zeit zu gewinnen, den Schmerz zu beobachten.

Nee, ja, alles klar, auch diese Frage war schon längst entschieden, bevor Webster in seinem inneren Kopf den Gedanken anklopfen hörte. Vielleicht waren dabei die Schwestern Wagemut und Furchtlosigkeit federführend, vielleicht aber auch die Gebrüder Neugierde und Interesse, oder vielleicht Frau Glück und Herr Günstige Gelegenheit, wer weiß das schon so genau. Webster würde sich dem Schmerz mal zuwenden. Es war beschlossen.

Man konnte es wenigstens mal probieren, ganz vorsichtig, bis auf weiteres. Wenn es nicht funktionierte, oder der Schmerz zu schlimm wurde, oder es aus irgend einem beliebigen Grund einfach zu blöd wurde, konnte man jederzeit wieder zurück. Man war schließlich ein freier Mensch. Auch als Yoga-Heinz oder Yogini oder wie das hieß war man immer noch man selbst und konnte über sein Leben bestimmen.

Nachdem der Schmerz von Anfang an Websters Aufmerksamkeit gefordert hatte, und Webster sie widerwillig gewährt hatte, wurden nun die Verhältnisse umgedreht. Webster schenkte dem Dehnungsschmerz absichtsvoll etwas mehr Aufmerksamkeit, behutsam, wie wenn man sich gegen eine Säule lehnt, von der man nicht weiß, ob sie trägt. Nichts passierte, die Säule hielt. Da der Schmerz auszuhalten war, räkelte Webster sich etwas inniger in den Schmerz, weiterhin vorsichtig, stets auf der Hut, um nötigenfalls aufzuspringen. Alles gut. Nun hatte Webster sich den Schmerz schon fast zu eigen gemacht, beinahe gemütlich war es im Schmerz. Er nahm Kontakt auf mit einzelnen Facetten des Schmerzes, untersuchte ihn, wie man ein neues Zuhause durchwandert. Er begann den Schmerz zu bewohnen.

Webster nahm den Dehnungsschmerz in seinem Oberschenkel wahr, als ob es nicht sein Schmerz sondern der Schmerz von jemand anderem wäre. So konnte er ihn fühlen, ohne ihn zu bewerten. Es war fast so, als ob der schmerzende Oberschenkel nicht sein eigener wäre, sondern der von einem ihm gänzlich fremden Menschen. Und trotz dieser innerlichen Distanz wurde der Schmerz deutlicher, nicht schmerzhafter, sondern nur klarer wahrnehmbar in seinen verschiedenen Facetten. Als ob das Schmerzerleben intimer als vorher wäre

Er suchte den Schmerz beobachtend auf, er gab sich dem Schmerz regelrecht hin, nicht in dem speziellen Sinne, aber wie sollte man es sonst nennen. Er lehnte den Schmerz nicht von vorneherein ab, sondern interessierte sich für ihn. So betrachtet war der Schmerz auch nur eine Wahrnehmung unter allen anderen Wahrnehmungen. Keine große Sache eigentlich. Vielleicht musste man den Schmerz nicht unbedingt hassen. Vielleicht konnte man ihn auch mit Interesse näher untersuchen. Das war zunächst nur eine leise Vermutung.

Wie aber, wenn er den Schmerz als gegeben hinnähme, einfach so, ganz ohne innerlich zu murren? Wie würde das möglich sein? Er konzentrierte sich vorsichtig auf die schmerzende Stelle. Möglicherweise würde der Schmerz unerträglich stärker werden? Ganz behutsam lenkte Er seine innere Aufmerksamkeit auf die schmerzende Stelle. Hmm. Und zog sie wieder zurück. Und nochmal in den Schmerz. Das ließ sich aushalten für einen Atemzug. Und zurück. Und hin und zurück für einige Atemzüge hintereinander. Die schmerzende Stelle tat während des Ausatmens etwas weniger weh als während des Einatmens. Interessant! Vielleicht war das gemeint, wenn es im Yogalehrer-Sprech hieß in den Schmerz atmen?

Bei der nächsten Asana kam er in Kontakt mit einer kleinen Anspannung in der Umgebung des schmerzenden Oberschenkels. Ein Muskel war ein wenig hart, oder vielleicht eine ganze Muskelgruppe. Intuitiv verweigerte sein Oberschenkel sich der Dehnung, es war aktiver Widerstand. Durch die kleine Anspannung wurde die maximale Dehnung vermieden. Es war eine Art Schonhaltung. Er hatte sie er völlig unbewusst eingenommen, ein Instinkt hatte ihm geraten, dem Schmerz auszuweichen. Doch jetzt, da er die Anspannung klar und bewusst wahrnahm, konnte er sie sich zu eigen machen, und er konnte sehen, dass er darin eine aktive Rolle innehatte. Webster, er selbst, wurde nun Besitzer und der Anspannung, und Webster, ganz und gar er selbst, schlug Intuition oder Instinkt ein Schnippchen. Er selbst, ganz und gar Webster, war der Oberbefehlshaber über die kleine Anspannung geworden. Und nun, da er die Anspannung besaß und befehligte, da er verstand, dass sie ein aktives Halten war, konnte er sie willentlich aufgeben. Behutsam und zögerlich hörte er mit dem Halten auf, bis auf Weiteres, unter Vorbehalt. Er gab vorsichtig den angespannten Muskel frei, einfach mal sehen, was passierte. Mit dem Ausatmen wurde die Dehnung etwas größer, er kam etwas tiefer in die Stellung rein. Der Schmerz nahm ein wenig zu, aber nicht in dem befürchteten Maße. Okay. Das konnte man so machen. Er wiederholte es noch mehrere Male beim Ausatmen. Die Dehnung wurde noch eine Kleinigkeit intensiver, der Schmerz aber auch, und blieb zugleich weiterhin im Rahmen.

Der Schlussgong kam für Er überraschend. Er hatte noch gar nicht auf die Uhr gesehen.

Wie er Fanny das erzählte, was er hier gerade entdeckt hatte? Als er die Schonhaltung aufgab, war sein Denken ein Denken bar jeder Sprache gewesen, ein Denken in Gefühlen und Bildern, Gefühlen der inneren Muskelwahrnehmung, imaginierte Bilder vom Inneren seines schmerzenden Schenkels. Wenn er Fanny das erzählen würde, konnte er keine treffendere Wendung finden als die, er habe die Anspannung losgelassen. Ha! Auch so ein Yogalehrer-Sprech. Durchaus verblüfft, sich selbst so denken zu hören, ahnte er, dass er vielleicht soeben verstanden hatte, was mit solchen Worten gemeint war.


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