Sie erfuhren es gleich während sie am Empfangstresen des Yogastudios vorbeigingen: Shunya würde heute die Stunde übernehmen. Vielleicht war es allein Webster, der innerlich mit Erschrecken reagierte, er wollte fliehen, oder vielleicht sich tot stellen. Vielleicht wer er der einzige, der so empfand. Vielleicht wäre ein allgemeines Ach du Scheiße die angemessene Reaktion gewesen, aber trotteten schweigend in die Umkleide, sprachen nicht, eigentlich wie immer, doch Webster konnte fühlen, oder glaubte, er könne fühlen, wie alle um ihn herum innerlich zusammensackten, während sie sich in ihr Schicksal fügten. Vielleicht wurde Shunya, die Chefin der Yogaschule, nur von Webster gefürchtet, der aber war sich einigermaßen sicher, dass alle sie fürchteten, oder zumindest lieber eine andere Trainerin vorne auf dem Vorturnerplatz sehen würden, oder einen anderen Trainer. Sie leitete nicht einfach Yoga an, sie machte ein gewichtiges Ritual aus allem, hauptsächlich dadurch, wie Webster glaubte, dass sie alles künstlich in die Länge zog, vor allem die anfängliche Meditation, die bei ihr gefühlt zehnmal länger sich hinzog als bei den anderen Trainern. Noch schlimmer schien Webster ihre Art sich auszudrücken. Sie verstand es und liebte es anscheinend, ein paar eigentlich ganz normale Worte in einer Weise zu kombinieren, dass etwas Unverständliches und Irritierendes dabei herauskam, so dass Webster oft Stunden später noch diesen kuriosen Formulierungen innerlich nachlauschte, ob sich ihm nicht doch ein Sinn erschlösse. Wenn gelegentlich eine Art Verständnis vorbeihuschte, so war das Erleben flüchtig und das Verständnis wenig konkret, und auch nach längerem Nachsinnen verblieb Webster mit einem Gefühl der Unschärfe und Nebelhaftigkeit, weshalb er sich diesem Yoga-Sprech hilflos ausgeliefert fühlte.
In der Meditationsanleitung sagte Shunya, man solle den Atem empfangen. Vielleicht sagte sie das immer so, und Webster hatte es bis heute nicht verstanden und sich in seiner Hilflosigkeit nur geärgert. Oder vielleicht hatte sie heute, im Vorfeld dieser Formulierung, irgendetwas ein klein wenig anders als sonst ausgedrückt. Vielleicht hatte sie Es gibt nichts zu tun gesagt. Vielleicht hatte sie Wir stellen den Atem nicht her gesagt. Vielleicht hatte sie Wir behalten den Atem im Blick gesagt. Vielleicht hatte sie Wir geben dem Atem so wenig Aufmerksamkeit wie möglich gesagt. Vielleicht hatte sie heute zum ersten Mal gesagt Wir atmen vollkommen ohne jeden Aufwand. Gut möglich, dass deshalb die Botschaft ankam.
Den Atem empfangen. Für Webster funktionierte es. Zum ersten Mal erlebte er: Um zu atmen, musste man nichts machen, der Atem kam und ging von alleine. Das alte Schulkinderwissen war ihm stets bekannt gewesen, doch bisher immer wie ein Satz oder eine Formel aus einem Lehrbuch, zwei mal zwei ist vier, man rief es ab, man sagte es, man glaubte es, man wusste, dass es stimmte, zugleich hatte es nichts mit einem zu tun, es berührte einen nicht, es war ein Fremdkörper aus Wissen, den man in sich aufnahm wie ein Implantat. Dass der Atem von alleine kam und ging, seit heute war diese Tatsache eine Art persönlichen Geheimwissens, eine intime Erkenntnis, die ein so tiefes Wissen war, dass sie sich nur noch in Gefühlen auszudrücken vermochte. Das Gefühl, der Atem sei ein Freund geworden, ein zuverlässiger und unkomplizierter Begleiter. Das musste er Fanny erzählen, darüber mussten sie sich austauschen, oder es wenigstens versuchen. Sie hatten keine richtige Sprache dafür. Und dieses Kommen und Gehen ganz nebenher zu beobachten, gewissermaßen aus dem Augenwinkel, mit gerade so viel Aufmerksamkeit, wie nötig war, damit man nicht vom nächsten Zug der Gedanken überfahren wurde, das war es wohl, was sie immer damit gemeint hatte. Mühelos beobachtend. Die Erkenntnis traf ihn wie ein unverhoffter Frühlingstag.