Webster war von mittlerer Statur, nicht gerade groß, nicht gerade schlank, aber auch nicht kleinwüchsig oder übergewichtig. Er trieb keinen Sport, konnte aber sein Gewicht einigermaßen halten, doch fiel ihm seit einigen Jahren auf, dass seine Schenkel intensiver aneinander rieben als noch vor Beginn dieses Jahrtausends. Sein Antlitz war eindeutig männlich, kantige Stirn mit wenigen Falten, scharfe Nase, ein kleines Grübchen am Kinn, starker Haarschopf mit nur schwach ausgeprägten Geheimratsecken.
Webster sah keineswegs aus wie jedermann, doch hatte er Ähnlichkeit mit vielen. Sein Antlitz hatte etwas von einer Phantomzeichnung: unspezifisch genug, so dass es sich als Projektionsfläche für zahlreiche Erinnerungen an andere Antlitze eignete. Hin und wieder, wenn er lesend in einem Café saß oder alleine durch eine Einkaufspassage flanierte, wurde er von Fremden angesprochen, die in ihm einen Charly sahen oder Bernhard. Und immer schmerzte es ihn, diesen Fremden zu enttäuschen und ihnen zu offenbaren, dass er Webster war, weder Charly noch Bernhard. Nie kam er auf die Idee, das es ihn schmerzen müsse, für jemand anderen gehalten worden zu sein. Den Anspruch, unverwechselbar zu sein, hatte er vor Jahren aufgegeben. Er wusste, dass er einzigartig war, das schien ihm zu genügen.
Alle paar Jahre riefen Freunde ihn an, aufmerksame Zeitungsleser, um ihn auf einen Look-Alike-Contest hinzuweisen, an dem er teilnehmen solle, mit hohen Erfolgsaussichten, ihrer Meinung nach. Webster, bemüht, seine Freunde nicht vor den Kopf zu stoßen, sagte niemals unumwunden Nein, doch war ihm klar, schon nach dem dritten Vorschlag dieser Art, dass er, wenn er drei Prominenten ähnlich sah, dann wohl in Wahrheit jedem – und zugleich niemandem wirklich.