Es würde mit Blicken beginnen, zunächst unwillentlich geworfene, blitzartige Blicke, durch die sie aufeinander aufmerksam werden würden, die ihnen zeigen würden, dass die Person auf der anderen Seite des Blickes ebenfalls aufmerksam geworden war. Die Sicherungen würden brutzeln bei jedem Blickkontakt, aber sie würden es nicht lassen können. Anfangs wären sie noch bemüht, ihre Blicke im Griff zu behalten, aber sie würden immer wieder hinsehen, es war nicht anders möglich, und schließlich würden sie zugeben, dass nicht sie die Anziehung beherrschten, sondern die Anziehung sie beherrschte, und sie würden sich freudig hingeben. Sie würden nicht wissen, was sie tun, und zugleich wäre ihnen alles klar, wie in einem luziden Traum, in dem die Blicke sie mühelos zueinander führen würden. Sie würden jegliches Gefühl von sich selbst verlieren und zugleich das Gefühl haben, nie zuvor so sehr sie selbst gewesen zu sein wie bei diesen Blicken.
Und sie würden vergessen, dass sie unter Menschen sind, und dass sie für andere existieren und von anderen gesehen werden, jegliche Dimension eines Außen und einer Außensicht wäre ihnen genommen von ihren Augen und ihrer Seele.
Und sie würden die Nähe des Menschen auf der anderen Seite nicht suchen, sie würden nichts arrangieren, sie würden sich unvermittelt gegenüberstehen, ohne dass einer von ihnen das eingefädelt hätte, es würde sich ganz von selbst ergeben haben, sie würden nicht wissen, wie es dazu kam.
Und dann dieser eine Blick, dieser lange Blick von blühender Bodenlosigkeit, dessen Tiefe sie nicht bemerken würden, dieser Blick, mit dem alles gesagt wäre, noch vor dem ersten gesprochenen Wort. Das Buch läge offen, der Stift stünde bereit, der Vertrag wäre beschlossen, und sie würden den Pakt mit ihrem Blut besiegeln, noch bevor das erste Wort gesagt wäre, würden sie sich einig sein, ohne alle Worte, jenseits der Sprache, in einer Aussicht auf kühlendes Feuer und erfrischende Glut, in einer Welt, die rein aus reinem Körper bestand, aus einer leichten Atemlosigkeit.
Und es würde kein Verführen sein, es würde überhaupt nichts Willentliches an sich haben, weil da kein Wollen war, kein Jemand, etwas zu wollen, und auch keine Jemand zu begehren, kein Niemand nicht. Es würde stattfinden. Keine Sie, kein Nicht, kein ihn. Kein Er, kein Nicht, keine Sie. Es würde ein gelassenes Versinken sein, ein heiteres Entgleiten. Und Gott würde abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod würde nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz würde mehr sein.
Sie würden sich annähern, ganz ohne dass sich sich dazu entschließen müssten. Sie würden kein Begehren empfinden, sie würden ein Begehren sein. Er würde nicht er sein und sie nicht sie, weder ich und du würden sie sein noch du und ich, und zugleich würde er nicht sie sein und sie nicht er, und kein Wir würden sie sein. Sie würden sich berühren, aber weder ich berühre sie würde sein noch sie berührt mich. Und sie würden nicht kennen ihre Gestalt, weder die eigene noch sie die seinige noch er die ihrige.
Und so gäbe es in ihrer Liebe keine Form, keine Sinneswahrnehmung, keine Gedanken, keine Vorstellungen, kein Bewußtsein. Kein Auge, kein Ohr, keine Nase, keine Zunge, keinen Körper, keinen Geist. Es gäbe keine Farbe, kein Geräusch, keinen Geruch, keinen Geschmack, keine Empfindung, keine Gedankeninhalte. Es gäbe keine Bereiche des Sehens, Hörens, Riechens, Schmeckens und Tastens sowie keine Welt des Bewußtseins. In ihrer Liebe gäbe es kein Wissen, kein Nichtwissen und so fort. Es gäbe kein Alter und Tod sowie kein Auslöschen von Alter und Tod. Es gäbe kein Leiden, keinen Ursprung von Leiden, keine Vernichtung von Leiden, keinen Weg zur Vernichtung von Leiden. In ihrer Liebe gäbe es keine Erkenntnis und kein Erreichen, da es nichts zu erreichen gibt.