Zum Inhalt springen
Zurück

Musikgeschmack

Zuletzt geändert:

Obwohl er selbst kein Instrument spielte, hörte er sehr gerne Musik, weil Musik sein Herz berührte, wie er es ausdrückte. Er war ein aufmerksamer Zuhörer, so aufmerksam, wie ein Laie aufmerksam Musik hören kann. Ohne musikalische Ausbildung, bar jeden Hintergrundwissens, war er ein hingebungsvoller Zuhörer auf seine Art. Dur und Moll konnte er nur sehr vage unterscheiden, aber er konnte mit Bestimmtheit erkennen, wenn ein Stück überinstrumentiert war,

Webster hatte einen sehr speziellen und zugleich durchaus breit gefächerten Musikgeschmack. Für ihn spielte es kaum eine Rolle, aus welcher Gegend der Erde eine Musik kam, welchem Genre sie zugerechnet wurde, oder aus welcher Zeit sie stammte. So konnte er mongolischen Obertongesang ebenso schätzen wie die Musik der europäischen Klassik. Auch Popmusik war für ihn nicht a priori schlecht, wenngleich es auf die meisten Produkte dieses Genres zutraf.

Raum und Stille. Mit wenig Tönen viel erzählen. Mit diesen Worten hat er selbst in seinem Tagebuch seinen Musikgeschmack charakterisiert. Er liebte es, wenn er einzelne Stimmen klar heraushören und das Gegen- und Miteinander der Stimmen verfolgen konnte. Sparsame Instrumentierung, das war ein Qualitätskriterium für ihn. Damit konnte man ihn, quer durch alle Genres und Epochen, immer kriegen. Manch düsteres Stück Reggae, wenn Bass und Schlagzeug wie in Zeitlupe miteinander interagierten, konnte ihn begeistern. Und natürlich die Polyphonie Bachs.

Irgendwann hatte er bemerkt, dass die meisten Stücke, die ihm gefielen, im Genre Jazz angesiedelt waren. Fortan bezeichnete er sich als Jazz-Fan.

Wie jeder Musikfreund liebte Webster die Klangfarben einiger Instrumente mehr als die anderer. Wenngleich er akustischen Bass sehr gerne hörte und bei den Klängen der Hammond B-3 ziemlich dahinschmolz: Sein eindeutig bevorzugtes Instrument war das Tenorsaxophon. Und sein eindeutig bevorzugter Tenorsaxophonist war Ben Webster, dem er seinen Spitznamen verdankte.

In gelegentlichen Diskussionen mit anderen Jazzfans wurde Ben Webster meist geschmäht. Zu schlicht sei seine Spielweise, süßlich der Ton, und die Marotte, in das Rohr zu hauchen, einfach unerträglich kitschig. Mit einem Wort: kommerziell. Das waren die Vorwürfe, mit denen Ben Webster von ernsthaften Jazzfans denunziert wurde. Andere Tenorsaxophonisten wurden ihm nahegelegt. Webster hatte brav die empfohlenen Alben durchgehört, aufmerksam. Und für einige Zeit tatsächlich sehr gerne Coleman Hawkins aufgelegt. Mit dem Ergebnis, dass er sich bald darauf nach dem heimeligen Ton von Ben Webster sehnte. Einige Diskussionen später, einige Alben danach, glaubte er zu Sonny Rollins konvertiert zu sein. Und doch — wieder kam er auf Ben Webster zurück. Er wollte keine Kopfmusik. Es wollte Musik fürs Herz. Und bei jedem Hauchen aus Ben Webster’s Rohr fühlte er sich zu Hause.


Schlagworte