Fragte man ihn, was er vom Leben erwarte, so antwortete er gerne: Sex und gute Gespräche. Und mit erhobenem Zeigefinger: In dieser Reihenfolge. Pointe oder Provokation, er wusste es selbst nicht so genau. Es lag viel Wahrheit darin, und doch stimmte es nicht vollkommen. Es fehlten der Jazz, die Langeweile, der Schmelz, vor allem aber fehlten der Rausch und die guten Getränke. Er sagte es gern, den Unterschlagungen zum Trotz, und freute sich der verdutzen Gesichter. Am Anfang des dritten Jahrtausends nach unserer Zeitrechnung war es immer noch ein Tabu, in der Öffentlichkeit über Sex zu sprechen, und es war vielleicht nicht mehr anrüchig, Sex zu mögen, aber immer noch durchaus unschicklich, es zu bekennen. Vielleicht fehlten in seiner Liste der Jazz, Langeweile, Schmelz und Rausch allein um der Pointiertheit willen. Möglicherweise waren diese Leidenschaften in seinem Leben tatsächlich zweitrangig, möglicherweise verschwieg er sie, weil sie schwer zu erklären waren. Vielleicht nannte er Sex und gute Gespräche so gerne, weil sie das Bild eines virilen Intellektuellen zeichneten. Vielleicht wollte er sich gerne so sehen, und an dieses Bild zu glauben fiel ihm leichter, wenn er andere davon überzeugen konnte. Dass er den Rausch, das Trinken, nicht nannte, vielleicht ahnte er, dass er damit etwas unterschlug, vielleicht weil es nicht so schmeichelhaft war.
Lebenserwartung
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