Webster geht auf dem Wirtschaftsweg an der Grenze von Fannys Grundstück entlang, zu seiner Rechten das Flusstal, zu seiner Linken Fannys Grund, mit Stacheldraht eingezäunt. Über den Zaun hinweg kann er Fannys umgebaute Garage ausmachen, kann vielleicht erkennen, in welchen Räumen sie das Licht eingeschaltet hat, doch bis dorthin ist es noch ein Stück zu gehen.
Nach einer Weile endet der Stacheldraht, an seine Stelle treten dichte Brombeersträucher, mehr als mannshoch und undurchdringlich. Webster kennt eine geheime Stelle im Gestrüpp, an der, als die Brombeersträucher vom Gärtner noch regelmäßig zurückgeschnitten wurden, der offizielle Hintereingang gewesen ist. Mittlerweile schwer zu erkennen ist diese lichte Stelle, Webster ist des öfteren schon daran vorbeigelaufen, meist in der dunklen Jahreszeit. Der Zugang ist von kräftigen stachelige Ranken zugewachsen, das dahinter gelegene Gartentor hebt sich farblich kaum von den Brombeerpflanzen ab. Man hat den Eindruck, es sei seit hundert Jahren niemand mehr durch dieses Tor geschritten, doch der Schein trügt. Mit einem Paar sehr fester Gartenhandschuhe könnte man diese Ranken vielleicht anfassen und zur Seite bewegen, oder man könnte sie vielleicht mit einer großen Gartenschere durchtrennen und so den Weg freimachen für einige Zeit.
Webster hebt einen kräftigen Knüppel auf, den ein Nichteingeweihter leicht für die Schwelle der Pforte halten könnte, und drückt mit ihm die stacheligen Ranken beiseite, so dass er unter ihnen durch und an ihnen vorbei sich zwängen kann. Es braucht Geschick, Geduld und immer auch ein bisschen Glück, damit ihm dieses Kunststück unverletzt gelingt. In seinem ersten Fanny-Winter hat er sich an dieser Stelle, in einer hässlichen Kombination von Ungeschick und Dunkelheit, eine schöne Daunenjacke ruiniert.
Webster öffnet das Tor, das unverschlossen ist, und tritt hindurch, und lässt den Knüppel wieder an die alte Stelle fallen und verpasst der Pforte einen Tritt, worauf sie halbwegs zufällt.
Und hält inne.
Und atmet den üppigen Duft der feuchten Erde.
Und sucht mit den Augen Fannys Garage, die jetzt vielleicht hundert bis zweihundert Meter vor ihm liegt. Zunächst fällt ihm die dunkle Kontur der altmodischen Villa ins Auge, die Fannys Elternhaus gewesen ist, in der jetzt Leute wohnen, fremde Menschen. Ungefähr genauso weit von ihm entfernt, aber in anderer Richtung, erkennt er jetzt Fannys trotz ihres Dachgeschosses unscheinbare Garage.
Und steht und wird ruhiger.
Aufregung und Ungeduld der Anreise fallen von ihm ab, ganz ohne sein Zutun, einfach so.
Stehend und atmend freut er sich angekommen zu sein, und wartet auf den Impuls, sich in Bewegung zu setzen, und ist zugleich froh, dass er es noch hinauszögern kann.
Und mit kleinen Schritten trödelt er zögernd los. Die größte Fläche des Grundstücks ist Brache. Es gab mal einen Trampelpfad, der, als Fannys Eltern noch lebten, vom Hintereingang zur Villa führte. Diesen Weg zu finden versucht er gar nicht erst, zu verwildert ist der Grund.
Schon geht er wegelos auf Fannys Garage zu, durchschreitet das hohe Gras und holt sich unbekümmert feuchte Hosenbeine. Aufpassen, dass man nicht zu dicht an den Brennnesseln vorbeigeht, die in Inseln auf der Brache wachsen, nicht wirklich hässliche Pflanzen, die er aber hasst von Kindesbeinen an.
Ebenso die violett blühenden Disteln. Es gibt Stellen auf dieser Brache, da stehen sie zu Dutzenden, vielleicht sogar zu Hunderten beieinander und zwingen ihn, von der Ideallinie zu Fannys Garage abzuweichen, obwohl das vielleicht gar nicht ihre Absicht ist.
Er glaubt, in einiger Entfernung einen Vogel singen zu hören, und hält inne, damit seine Hosenbeine nicht mehr aneinander schlagen, so dass er den Vogel besser hören kann. Ganz sicher keine Amsel, viel zarter und zierlicher ist dieser Gesang, und vielleicht auch etwas höher. So steht er und lauscht und geht in Gedanken Vogelnamen durch, die ihm passend scheinen, Zaunkönig, fragt er sich, Stieglitz, Zeisig, er weiß es nicht, aber die Namen dieser Vogelarten durchzugehen ist im eine unbestimmte Freude. Unmittelbar danach beschließt er, im nächsten Frühjahr wird er Vogelstimmen lernen, nächstes Frühjahr aber wirklich. Zaunkönig, Stieglitz, Zeisig, genau das hat er letztes Mal beim Überqueren dieser Brache auch gedacht, erinnert er sich. Beim nächsten Mal, denkt er, wird er sich wieder vornehmen, Vogelstimmen zu lernen, wird sich wieder erinnern, sich dasselbe beim letzten Mal und beim vorletzten schon vorgenommen zu haben, und wird sich an seine Erinnerung daran vom letzten Mal erinnern. Wie wird das enden.
Ein Stück weiter fallen ihm die zarten Ähren der Mäuse-Gerste ins Auge. Warum gerade dort, sie steht hier überall. Erneut hält er an und beugt sich vor und streicht mit den Fingern zart über ihre kleinen Ähren.
Um noch weiter zu trödeln und die Ankunft mehr hinauszuzögern, zerreibt er ein Blatt eines Krauts, das er für eine Art Salbei hält, zwischen Daumen und Zeigefinger, zieht begierig den Geruch von seinen Fingerspitzen ein und, da es kein Salbei ist, erschrickt über den bitteren Hauch.
Wenige Schritte später die einzelne Eisenbahnschwelle, die seit Jahren schon mitten auf dem Grundstück liegt, ohne dass Fanny wüsste, wie sie dahin gekommen ist. Es müssen mindestens zwei Personen mit anpacken, um sie zu bewegen, das muss ihr doch aufgefallen sein. Und wieso haben die sie nicht einfach vom Wirtschaftsweg aus über den Stacheldraht geworfen? Und überhaupt: wer entledigt sich einer einzelnen Eisenbahnschwelle?
Solange er dieses Grundstück überquert, liegt da diese Eisenbahnschwelle, und immer führt sein Weg zu Fanny ihn an ihr vorbei, und jedes Mal, ausnahmslos, verliert er sich in genau den gleichen Spekulationen, zwei Personen, auffällig, wieso nicht übern Zaun, wer macht sowas, in genau der gleichen Abfolge, und er ist schockiert von der Zwanghaftigkeit und Berechenbarkeit seiner Gedanken, dass ihnen überhaupt nichts Spielerisches zu eigen ist.
Er stellt seine Tasche ins Gras, um einen frischen Maulwurfshügel einzustampfen, sieht aber ringsum die zahllosen anderen Maulwurfshügel, besinnt sich und denkt was solls.
Schon recht nahe bei Fannys Garage riecht es übel, es stinkt nach Tod und Verwesung, und er findet eine verfaulende Taube, die mit schlaff abgewinkeltem Köpfchen auf dem Rücken liegt. Und um die Ankunft bei Fanny noch weiter hinauszuzögern, bricht er sich ein kräftiges Stöckchen und stochert damit in dem Taubenkadaver, als ob es darin etwas zu entdecken gäbe.
Und freut sich zum wiederholten Male über die hohen Stauden mit den gelben Dolden, deren Namen er nicht kennt. Sauerampfer würde ihm passend erscheinen, oder vielleicht Huflattich, oder Schafgarbe, er hat keine Ahnung, aber nein, er wird sich kein Bestimmungsbuch kaufen, er wird auch keine App herunterladen, mit deren Hilfe er diese Pflanze bestimmen könnte, nein, er wird willentlich ein Banause bleiben, er wird diese Pflanze anhand ihrer gezahnten Blätter und ihrer charakteristischen Dolden immer und überall wiedererkennen, das müssste doch eigentlich genügen, damit war sie doch bestimmt, sie war für ihn nicht irgendeine, sondern eine bestimmte Pflanze, er musste sie nicht benennen und musste nicht wissen, wie sie offiziell genannt wurde.
Diese ungepflegte Wiese war ein Ort, an dem Namen Schall und Rauch waren, und Gedanken nur Gedanken. Sie war für ihn eine Oase, an der alles Denken sinnlos wurde und alle Worte ihre Bedeutung verloren. Die Brache war eine magische Zone, in der er seine Gedanken wie in einem Zwielicht sah, durch das sie zugleich wahr und irreal erschienen. Und zugleich wurden die Dinge griffiger, tatsächlicher, die stachelige Unterseite eines Blattes zum Beispiel, oder die zarte Haut an Fannys Bauch. Alles war erklärt und gerechtfertigt zugleich, gerechtfertigt durch sich selbst, und durch die bloße Existenz erklärt. Webster war optimistisch, auf diese Weise näher dran zu sein und die Welt mit ihren Katzen und Matratzen vollkommen klar und verzerrungsfrei, direkt und roh zu sehen und vor allem Fanny so zu erleben, wie sie wirklich ist. Es spielte keine Rolle mehr, welchen Namen ein Mensch oder welche Bezeichnung eine Sache hatte, und alle Einschätzungen und Mutmaßungen, mit denen man ihnen begegnete, waren für Webster hohl und lächerlich, alle Mutmaßungen und Einschätzungen außer dieser, sie schien ihn kein Gedanke zu sein sondern ein unmittelbares Erleben, etwa wie ein kalter Guss. Die Trennung zwischen dem Scheinbaren und dem Wesentlichen, oder vielleicht zwischen Substanz und Schein, war hier aufgehoben, hier waren das Wesen der Dinge und ihr Schein untrennbar eins. Webster war ein Prophet des Bodens der Tatsachen, und hier, bei Fanny und auf ihrem Grundstück, lebte er an der Quelle seiner Inspiration.