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Busfahrt

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Wenn er nicht zu müde war, oder betrunken, oder beides, ging Webster gerne zu Fuß. Zur Palette, zum Rickenbacker Club, zu Vermeer, für keinen dieser Wege brauchte er mehr als zwanzig Minuten. Die Elemente von Websters kleiner Welt lagen räumlich eng beieinander.

Einzig Fanny war die Ausnahme, sie, das Zentrum von Websters Universum, lebte sehr weit außerhalb. Der Bus zum Rand des Universums nahm nicht den direkten Weg. Er holte weit aus und fuhr in einem großen Bogen auf Fannys Vorort zu. Dank dieser Buslinie konnten auch die Bewohner des Hinterlandes den Vorort erreichen.

Am Ticket-Schalter das zierliche blonde Kind, eine junge Frau, die schon seit Jahren kein Kind mehr war. Webster kannte sie, seit sie ihre Ausbildung in diesem Ticket-Schalter begonnen hatte. Man kannte sich, blickte sich kurz und zugleich fest in die Augen, und zeigte das Wiedererkennen durch ein zartes Lächeln. Kaum Kleingespräch, aber immer die Rückfrage, ob es wirklich das Bus-Ticket sein solle, und dann dieser verständnisvolle Blick, wenn Webster bejahte. Dafür schätzte er sie.

An der Kasse des Kiosks stand eine Gruppe durchgängig schwarz gekleideter Jugendlicher vor Webster, mit überdimensionalen Colaflaschen im Arm. Der Anführer, ein etwas untersetzter Kerl, verlangte vom Kassierer eine Flasche Wodka. Als der Kassierer, schwarzbärtig wie auch die Jugendlichen, nach dem Ausweis fragte, entstand eine kleine Pause, dann eine Unruhe in der Gruppe. Unverständliches, erhitzt wirkendes Gezischel unter den Jugendlichen Schließlich zwängte der hinten in der Gruppe stehende sich nach vorne und warf betont lässig seinen Ausweis auf den Tresen. Der Kassierer nickte ein Okay, ohne den Ausweis in die Hand zu nehmen, und stellte dann die Flasche hin. Der Untersetzte zahlte den Wodka, alle anderen ihre Colas.

Webster verlangte den besten Whiskey, der dort angeboten wurde, es war der einzige einigermaßen gute. Der Preis war kaum überhöht, für einen Kiosk vollkommen angemessen. Der Kassierer steckte die Flasche in eine henkellose Papiertüte und überreichte sie Webster mit Verschwörergrinsen.

Der Bus stand mit offenen Türen am Terminal, er hatte hier einige Minuten Aufenthalt. Vor dem Bus in kleinen Kreisen schreitend, rauchte der schmalgesichtige Fahrer, der einem gewissen Schauspieler ähnlich sah. Er war der einzige unter den ständig wechselnden Fahrern, den Webster wiedererkannte.

Webster stieg ein und suchte seinen Lieblingsplatz auf, etwas weiter hinten. Nachdem er über einige Rucksäcke und Hundeleinen gestolpert war, nahm er Platz auf dem erhöhten Sitz über der Hinterachse, eine bauliche Eigentümlichkeit, die vor etlichen Jahrzehnten bei Bussen üblich gewesen war. Vermutlich fuhr er hier mit einer kleineren und weniger vermögenden Verkehrsgesellschaft, die ihre Busse aus zweiter Hand von den großen Gesellschaften übernahm.

Der ganze Wagen schüttelte sich, als der Fahrer den Motor anließ. Der Bus schwenkte, weit ausholend, auf die zweispurige Bundesstraße. Im Vorbeifahren sah Webster auf der Rückenlehne einer Parkbank einige schwarz gekleidete Jugendliche sitzen, die Schuhe auf der Sitzfläche, Plastikbecher in den Händen. Der Kleidung und der Zahl nach waren es vielleicht die aus dem Kiosk, und das Getränk in ihren Plastikbechern war vielleicht Wodka-Cola, und vielleicht wurde hauptsächlich um der Wirkung willen getrunken. Im Vorüberfahren konnte Webster jedoch nicht erkennen, ob der Untersetzte und die Flasche Wodka mit dabei waren. Der Kioskbesitzer hatte vielleicht nur nach dem Ausweis gefragt, überlegte er, weil ihm bewusst war, dass Webster die Szene beobachtete. Aber vielleicht hatte er auch zu viele Vorurteile.

Der lärmige Motor kreischte, wenn der Fahrer auskuppelte, um in den nächsthöheren Gang zu schalten. Mit der papierumwickelten Flasche im Schoß saß Webster sehr aufrecht da und schaute aus dem Fenster und genoss die Fahrt. Die immer gleichen und zugleich, je nach Jahreszeit, immer anderen, stets armseligen Vorgärten. Es war die blaue Stunde, die Stadt in schattenlosem Licht, der Himmel milchgrau und fahl. Webster konnte in die Wohnungen schauen, in denen das Zimmerlicht eingeschaltet war, und einmal wurde er geblendet von der Lichtorgie einer Tankstelle mit angeschlossener Burger-Station. Das Fahrlicht des entgegenkommenden Verkehrs, dessen stumpfer Abglanz auf dem Asphalt, das Rot der Rücklichter, das hellere Rot der Bremslichter. Sitzen und schauen, sonst gab es nichts zu tun.

Mit der S-Bahn könnte Webster in weniger als einem Drittel der Zeit sein Ziel erreichen, doch das schien ihm so undenkbar wie ein Kommunion ohne Liturgie. So geschmacklos wie ein One Night Stand ohne Flirten. Webster wollte die Vorfreude schmecken, den Übergang vom täglichen Tag zu Fannys Nacht zelebrieren.

Der Himmel hatte inzwischen die Farbe gewechselt und prangte jetzt in einem prächtigen Stahlblau, am unteren Rand noch unregelmäßig hell. Ein erster Stern wirkte wie mit einer Stecknadel in das Himmelszelt gestochen. Vielleicht war die Nacht nichts anderes als ein riesiges Tuch, das zum Zwecke der Verdunkelung über die Welt gelegt wurde ähnlich dem Tuch, das Mutter abend über den Vogelbauer stülpte. Der Stern nichts anderes als ein Loch in diesem Tuch, ein kleiner Lichtblick auf die dahinter liegende Helligkeit.

Webster rutschte etwas tiefer in seinen Sitz, zog die Knie an und drückte sie gegen die Lehne des Sitzes vor ihm. Der Bus bremste und bog ab, fuhr an und hielt an einer Haltestelle irgendwo im Hinterland. Auf diesem Teil der Strecke war Webster vollkommen orientierungslos. Weder kannte er die Namen der kleinen Ortschaften noch die Namen der Haltestellen, die von den meisten Fahrern nicht ausgerufen wurden, obwohl sie dazu verpflichtet waren, doch gingen sie vermutlich davon aus, dass nur Einheimische diesen Bus benutzten, die sich in ihrer Heimat bestens auskannten.

Webster fuhr und schaute, schaute und fuhr. Das Himmelstuch wirkte jetzt gründlich perforiert, auch war es endgültig bis zum Horizont heruntergezogen. Eingelullt von dem rauen Singsang des Motors schwebte er über eine horizontale Fläche aus Dunkelheit, die in der Mitte horizontal geteilt wurde durch reflektierende Fahrbahnmarkierungen und an ihren äußersten Rändern von Wolken kleiner Lichtpunkte umschlossen war.

Webster ließ sich bereitwillig in seinem Sitz hin und her werfen, wenn der Bus in eine Haltebucht abbog oder herausfahrend wieder beschleunigte. Er gab sich vollkommen dem Ruckeln und Schaukeln hin, verursacht durch Abbiegungen und Bremsmanöver, durch Bodenwellen und Beschleunigung. Er lehnte seine Schläfe an die kühle Fensterscheibe und genoss das Vibrieren der Karosserie, das über seinen Schädel in seinen gesamten Leib überging. Vielleicht war er für die Dauer der Fahrt gar kein eigenständiger Organismus, sondern ein atmendes Teil des Busses. Vielleicht waren die herkömmlichen Vorstellungen von Selbst und Welt vorübergehend aufgehoben, tickte die Zeit nicht mehr, und das Gesetz von Ursache und Wirkung wurde neu formuliert, und vielleicht war in Wahrheit jede Ursache eine Wirkung und jede Wirkung eine Ursache. Und er fuhr und er fuhr, und er schaute und sah.

Am Ende der verschlungenen Fahrt durch die Ebene aus Dunkelheit, zurück in der Zivilisation und doch nicht zurück, in einer belebten Welt aus hellen Schaufenstern, blinkenden Ladenschildern, durch die Lichtduschen hastenden Unbekannten, grollenden Kraftfahrzeugen, gleißendem Beton und elektrischem Licht, war Fannys Vorort erreicht. Man konnte die Haltestelle nicht verpassen, sie war die Endstation. Webster verließ den Bus als Letzter und betrat die neue Erde mit einer Art Ehrfurcht. Das hier war Fannys Land. Obwohl Fannys Grundstück einen Kilometer von der Endstation entfernt war, war das hier bereits Fannys Bereich. Mit einer Hand am Haltegriff der Bustüre setzte er den Fuß sorgfältig auf den Asphalt, als sei der Vorort der Mond und er, Webster, der erste Mensch, der den Mond betrat. Ein kleiner Schritt für meinen Körper, ein großer Schritt für meine Seele.


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