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Brücke zu Fanny

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Die Brücke nahe bei der Bushaltestelle, die ihn zu Fanny über den Fluss bringt, sie sah aus, als sei sie schon immer dagewesen. Eine Konstruktion aus vernieteten Stahlträgern, mit einer Fahrbahn aus dicken Bohlen, die früher einmal Fuhrwerke getragen hatten und heute etwas morsch wirkten, so dunkelgrau verwittert wie sie waren, so dass die Behörde ihnen keine Kraftfahrzeuge mehr zutraute.

Obwohl man zwischen den Bohlen in die Tiefe schauen konnte, betrat Webster diese Brücke ohne Furcht. Bei Schnee oder Nässe, wenn die Bohlen rutschig waren, gab es einen objektiven Grund, das Tempo beim Überqueren der Brücke zu verlangsamen. Und doch, selbst bei besten Verhältnissen, war es ihm ein Anliegen, die Brücke langsam schreitend zu überqueren. Er wusste, wenn er kräftig ausschritte, könnte er Fanny in wenigen Minuten erreichen. Hier im Vorort angekommen, manchmal beim Verlassen des Busses, manchmal erst während der ersten Schritte auf der Brücke, überkam ihn die Sehnsucht nach Verzögerung.

Er zelebrierte den Übergang von seiner Welt in die ihre, von seinem Leben in das ihre. Wenn es nicht gerade gewitterte, hielt er gerne irgendwo in der Mitte der Brücke inne und betrachtete die Landschaft ringsum, die man von diesem Punkt aus gut überschauen konnte. Beim Anblick der Abhänge zu beiden Seiten des Flusses malte er sich aus, wie das Wasser, das hier floss wie schon vor Jahrtausenden, sich dieses Tal freigespült hatte, behutsam und beharrlich zugleich, den Weg des geringsten Widerstands suchend, jeden Widerstand mit stoischer Sanftheit schleifend.

Er senkte den Blick und betrachtete das Wasser, das bei jedem Besuch eine andere Farbe hatte und heute sehr gelb war, als ob es viel Lehm mit sich führte.

Und da Webster sich übermütig fühlte, spuckte er von der Brücke, zählte die Sekunden, bis er seinen kleinen weißlichen Klecks aufplatschen sah, und versuchte dann zu schätzen, wann er, oder seine DNA, das Meer erreicht haben könnte, und wieviele Jahre oder Jahrzehnte es dauern würde, bis er, seine DNA, überall auf dem Planeten vertreten sein würde, in allen Meeren, in allen Wolken, in allen Flüssen und allem Land, das von diesen Meeren umspielt oder von diesen Flüssen benetzt wird. Jahrhunderte, Jahrtausende vielleicht?

Vielleicht war es hier auf dieser Brücke, dass er zum ersten Mal den Entschluss gefast hatte, ganz und gar in seinem Leben anwesend zu sein. Dieser Entschluss war zunächst in ihm präsent als ein brennendes Begehren nach Allem, ein nicht näher fassbares Verlangen nach … er wusste es nicht. Vielleicht nach leuchtendem Lebendigsein, oder vielleicht nach Welt, oder Leben, oder vielleicht nach sich selbst. Es war eine stark fordernde Sehnsucht, eine Sehnsucht, die sich selbst genügte, die ohne Erklärung oder Rechtfertigung von nun ab sein Leben bestimmen würde. Nicht Webster hatte nach reiflicher Überlegung und gründlicher Abwägung aller Pros und Contras seine Entscheidung gefällt, sondern er hatte die Sehnsucht empfunden, und alles, was er hatte und war, die Person von ihm, hatte der Forderung stattgegeben, einfach so, weil es gar nicht anders sein konnte. Alles andere wäre falsch gewesen. Als er ihn hörte, diesen Ruf aus Zeit und Raum, versuchte er, ihn in Worte zu fassen, vielleicht, um ihn sich einzuprägen, oder vielleicht, um ihn anderen mitteilen zu können. Jede Sekunde meines Lebens ist eine Sekunde meines Lebens. Dieser schlichte Satz war ihm zunächst banal erschienen, und doch hat seine pleonastische Form für ihn, je mehr er im Laufe der Jahre auf den Worten herumkaute, an Tiefe gewonnen.

Mit Betonung auf das erste Wort (Jede Sekunde meines Lebens ist eine Sekunde meines Lebens) wurde unterstrichen, dass es in unserem Leben keinen Moment gibt, der nicht unsere Lebenszeit ist, weshalb es vollkommen sinnlos ist, so zu leben, als gehörten einige Zeiten nicht dazu, vielleicht Zeiten der Erfüllung ungeliebter Pflichten, die Zeit bei der Armee, oder vielleicht Zeiten des Wartens, oder vielleicht Zeiten des Hoffens, oder vielleicht Zeiten, die man von seinen Liebsten getrennt verbringen muss, die Zeit ohne Fanny.

Mit der Betonung auf das zweite meines (Jede Sekunde meines Lebens ist eine Sekunde meines Lebens) unterstrich der Satz, dass wir kein anderes Leben leben als unser eigenes, und dass deshalb alles, was wir während dieses Lebens unterlassen oder tun, unser eigenes Handeln ist, ohne Unterschied, ganz gleich wie unbewusst wir handeln oder wie wenig wir das mögen, was wir tun, und dass das aus diesem Handeln bestehende Leben unser eigenes Leben ist, das wir zu verantworten haben, und die aus diesen unseren Handlungen sich ergebende Biografie unsere ganz eigene Biografie ist, in der wir vielleicht willentlich oder vielleicht widerstrebend enthalten sind, vielleicht bewusst oder vielleicht unbewusst, vielleicht absichtsvoll oder vielleicht aus Versehen, aber immer ohne jede Möglichkeit der Verleugnung.

Wenn er bei Fanny war, wusste er das, und dieses Wissen veränderte alles, nicht in Wirklichkeit, aber in seinem Erleben, und die Stunden mit Fanny fühlten sich wirklicher an als die Tage in der Stadt, oder vielleicht intensiver, oder vielleicht authentischer. Es hätte nicht sagen können, ob es an Fanny lag, ob sie ihn vielleicht infizierte mit ihrer Art zu leben und auf die Welt zu resonieren, oder vielleicht diese Metamorphose durch irgendwas begünstigte, ihr Lächeln vielleicht oder wie ihr Körper sich so mühelos an seinen schmiegte. Niemand weiß, woher günstige Umstände kommen, und ob wir die beglückenden Momente unseres Lebens selbst erschaffen haben oder mit ihnen beschenkt wurden von einer unbekannten Entität.

Wenn er in diesem Vorort war, auf diesem Grundstück, in ihrer Gegenwart, war er weiterhin derselbe Webster, der tagsüber und unter der Woche Farben verkaufte oder vielleicht Jazzplatten hörte oder vielleicht mit seinem Kumpel schweigend auf dem Balkon saß, und zugleich ein anderer, einer, dem vor lauter Gelingen auch das energischste Tun im Lassen aufging, der alles, was ihm widerfuhr, als Ausdruck absoluter Liebe verstand.

Webster setzte sich wieder in Bewegung, langsam, als ob er keine Kraft mehr hätte, und doch stetig auf Fannys Grundstück zu, und zugleich in dem Wissen, dass er dort, wohin er innerlich strebte, schon längst angekommen war.

Vielleicht galt seine Liebe wirklich der Person von Fanny, oder vielleicht liebte er ihre Rolle als Katalysator, wer wäre imstande, das zu entscheiden, wenn nicht Webster selbst. Vielleicht legte er sich manchmal diese Frage vor, vielleicht zweifelte er an seiner Liebe, oder vielleicht war er ein zu schlichtes Gemüt dafür. Oder vielleicht hatte er ein Herz von solcher Reinheit, oder Unschuld vielleicht, oder Naivität, dass er intuitiv diese Frage als sinnlos ablehnte.

Webster bog ab auf den Wirtschaftsweg und folgte ihm für zweihundert oder vielleicht dreihundert Meter flussabwärts, auf der einen Seite Fannys Grundstück, auf der anderen Seite das Tal mit dem Fluss.


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