Vermeers Galerist war vielleicht einer von denen, die in die Welt passen, wie Vermeer das nannte. Webster sah ihn weniger freundlich und neigte zu weniger euphemistischen Formulierungen, aber widersprach nicht. Anscheinend hatte er einen Riecher für Geld, und anscheinend konnte er sein Klientel gut einschätzen, kannte vielleicht sehr genau den schlechten Geschmack und die Befindlichkeiten der örtlichen Vorstandsvorsitzenden und Aufsichtsratsmitglieder, der Millionenerbinnen und Patriarchen, wusste um deren Eitelkeiten, kannte vielleicht besser als sie selbst ihre Anfälligkeit für Effekthascherei. Man ist reich, stockkonservativ, pflegt Traditionen, bleibt unter sich, hasst Veränderungen, las er Vermeer einmal aus seiner Wochenzeitung vor, weil er fand, dass das seine Kundschaft vielleicht sehr zutreffend charakterisierte.
Und dann machten sie es so: Vermeer malte ein Portrait des Galeristen, das hing dann in dessen Büro hinter seinem Schreibtisch, war also nie offizieller Bestandteil irgendeiner Ausstellung. Zu den öffentlichen Veranstaltungen der Galerie wurde der Schreibtisch mit einer weißen Papiertischdecke überzogen, darauf bei Vernissagen das Fingerfood, bei Finissagen die Tabletts mit dem Sekt. Jeder kam irgendwann mal in das Büro, und sei es nur um Tschüss zu sagen. Wer das Büro betrat, konnte das von Vermeer gemalte Portrait des Galeristen kaum übersehen.
Geschickt platziert, das Portrait, und die gestandenen Vorstandsvorsitzenden und stockkonservativen Aufsichtsratsmitglieder, die ältlichen Millionenerbinnen und furchigen Patriarchen fanden es irgendwie künstlerisch, vielleicht modern irgendwie, und sie imaginierten sich selbst in ihrer gediegenen Abendgarderobe, gemalt in dieser Manier, und es muss ihnen wohl so erschienen sein, als ob etwas von dem Künstlerischen oder etwas von der Modernität der Malerei auf die Abgebildeten übergehe und sie weniger fortschrittsfeindlich und vielleicht sogar irgendwie jung erscheinen ließe, sie fanden es schlichtweg schick zuhauf und fragten nach dem Künstler.
Am Ende des Gesprächs kam man meist überein, dass der Galerist vermitteln sollte. Er ließ sich ein Foto bringen, wickelte alles mit Vermeer ab und kassierte ordentlich Provision. Es gab Ausstellungen, da verdiente der Galerist mehr an Vermeer als an den Exponaten. Einige Zungen behaupteten, die Vernissagen und Finissagen dienten einzig dem Zweck, die krummen Vorstandsvorsitzenden und Aufsichtsratsmitglieder, die Millionenerbinnen und Patriarchen der Stadt ins Büro des Galeristen zu locken, aber das waren böse Zungen, behaupteten andere.
Als die Nachfrage größer wurde und Vermeer sich schwer tat rechtzeitig zu liefern, erhöhten sie die Preise. Als der Markt in dieser Stadt erste Anzeichen von Sättigung zeigte, kopierte Vermeer das erfolgreiche Geschäftsmodell in die umliegenden Städte, eine nach der anderen, Jahr für Jahr. Als er Vertrauen in seine Einnahmequelle hatte, kaufte er diese nicht ganz kleine Eigentumswohnung mit dem riesigen Balkon in der nicht ganz schlechten Lage gegenüber dem PP-Hotel.