Wieder schweigend trinkend auf Vermeers Balkon. Nach mehr als einer halben Stunde unterbrach Vermeer die Stille mit der Bemerkung, er verstehe nicht, was Webster an Fanny finde.
Musst du ja auch nicht, dachte Webster verärgert. Er hätte nicht sagen können, was ihn mehr störte, die Unterbrechung der Stille oder der Inhalt der Äußerung. Das stille Sitzen hatte ihn müde und maulfaul gemacht, er sagte nichts. Durfte ein Freund sowas fragen? Oder war es vielleicht gerade die Aufgabe eines guten Freundes, die Frauenwahl zu problematisieren? Wer versteht das schon so genau, dachte er. Fanny war die Richtige. Er konnte es sich selbst nicht erklären. Er hatte schon vor Jahren aufgehört, nach Erklärungen zu suchen, er hatte Gewissheit, er wusste, dass er Fanny ganz und gar wollte, für immer. Es war ihm, als habe er in allen vorherigen Frauen stets Fanny gesucht, und alles, was er war und hatte, der innere wie der äußere Webster, der ganze Webster wollte Fanny, und er war zutiefst einverstanden damit, und das schien ihm zu genügen.
Vielleicht konnte er die Stille schützen, indem er die Gedanken, die schon da waren, rasch beiseite legte und sich innerlich so tief in die Stille fallen ließ, dass keine neuen Gedanken dazukamen. Doch er konnte ihn nicht finden, diesen inneren Ort, an dem die Stille wohnte, und den zu betreten er sich sehnte, und er suchte wortlos weiter. Er schloss die Augen und fühlte in seine Hände. Sie waren etwas kalt. Banal. Er fühlte in seine Füße. Sie waren unruhig und wollten zappeln. Webster steppte Hacke-Hacke-Spitze-Spitze mit ihnen, ganz leise. Blöd. Er öffnete die Augen wieder.
So saßen sie eine Weile schweigend da und beobachteten das Geschehen vor dem PP-Hotel, Vermeer wartend, Webster schweigend. Schließlich legte Vermeer nach: Sie entspricht doch überhaupt nicht deinem Beuteschema.
Beuteschema, dachte Webster grimmig. Beuteschema. Wohl zu viele Tierfilme gesehen. Er hielt Vermeer zugute, dass er in solchen Kategorien nur dachte, wenn es ziemlich spät war und er vielleicht schon müde war. Wer konnte es wirklich wissen? Wie aber, wenn Vermeer immer in solche Kategorien dachte, aber nur unter diesen besonderen Umständen so freizügig darüber sprach?
Weiter Vermeer: Ruth, Mariam, und die kleine Münchenerin, sie waren doch alle klein und etwas rundlich, und hatten ordentliche – er beschrieb mit beiden Händen zwei Bögen vor seiner Brust ordentliche »Ohren«.
Ohren. Webster äffte Vermeers Handbewegung und seine besondere Betonung dieses Wortes nach. Ohren! Plötzlich konnte er sprechen, Zorn hatte sein Mundwerk in Kraft gesetzt. Zorn über die Respektlosigkeit, gegenüber der Stille, gegenüber seiner Zuneigung zu Fanny, Zorn aber auch über die Denkweise, die ihm hier nahegelegt wurde, und die ihm wie eine Einladung zur Banalität erschien.
Vermeer kannte ihn wirklich lange. Er war der Einzige, der Ruth kennengelernt hatte, und Mariam, und die kleine Münchenerin, und auch die Scholle. Grob gesehen hatten sie gewisse Ähnlichkeiten, und zugleich war nichtmal die Behauptung mit den Ohren korrekt. Vermeers Frage war wie der Vorschlag einer gänzlich neuen Sicht auf seine früheren Freundinnen, sie als Beute zu sehen, die einen interessierte, wenn einige körperliche Merkmale ein vorgegebenes Schema erfüllten. Webster hatte seine Verflossenen noch nie so gesehen und verspürte auch jetzt wenig Neigung dazu. Und dass das mit den Ohren – ha! – nicht stimmte, konnte Vermeer eigentlich selber wissen. Was sollte das Gequatsche?
Webster versuchte, die Erinnerungen an Mariam, die Scholle, Ruth visuell werden zu lassen, er bemühte sich nach Kräften, obwohl er in Wahrheit gar nichts steuern konnte. Es kam, was kam. Ihre Staturen wie auch die Gesichter blieben unscharf und verschwommen, nur gelegentlich konkretisierte sich eine Augenbraue, ein sichelmondförmiger Reflex auf straff gezogenen Haaren, ein kleiner Leberfleck auf einer Unterlippe. Er wusste noch, dass Mariam ein braunes und ein Blaues Auge gehabt hatte, doch vor seinem inneren Auge erschien kein Bild. Es war ein Wissen, keine Erinnerung, dachte er, und vielleicht war es gar nicht Mariam mit den unterschiedlichen Augen, sondern vielleicht eine andere. Das Erschauern, das Gleißen, das Glück, wenn sie einander in die Augen sahen, daran erinnerte Webster sich einigermaßen genau. Seine Freude über ein Lächeln, das kleine Zwicken im Innersten immer. Was wusste Vermeer davon?
So auch die körperlichen Details. Webster brachte nur Fragmente zusammen. Er hatte schon lange nicht mehr an den Körper von Ruth gedacht. Wieso auch. Jetzt, da er es versuchte, nahm er die Erinnerung an ein Foto zu Hilfe, Ruth in einer ärmellosen Bluse auf einem Mäuerchen stehend. Da konnte er ihren Busen erahnen. Wohl wirklich eher groß.
War es tatsächlich seine eigene Erinnerung? Zuverlässig konnte er nur sagen, dass er sie wirklich sehr gern im Arm gehabt hatte, Mariam, Scholle und die anderen. Das Leben fühlte sich wirklicher an, wenn man so Arm in Arm oder händchenhaltend durch die Welt lief. Der Blick vollkommen klar. Das Gehen mühelos. Konnte Vermeer das wissen?
Während der Jahre mit Ruth war Webster überzeugt gewesen, dass ihr Körper ihn glücklich machte. Was vielleicht auch stimmte, und zugleich wohl nur ein Teil der Wahrheit war. So, wie er glaubte, dass er nur mit Ruth würde glücklich sein können, so glaubte er auch, eine Frau müsse einen Körper haben wie Ruth für die Liebe und das Glück.
Eines Tages bemerkten Ruth und Webster, dass ihre Liebe verflossen war, und trennten sich. Webster war mehr oder weniger untröstlich. Und doch trat eines anderen Tages die Scholle in sein Leben. Die Scholle mit ihren Sternchenaugen, von denen er sich ganz roh gesehen fühlte. Die Scholle mit ihren Spiegeleiern. Das war das Wort, mit dem sie selbst ihren Körper beschrieb, wohl gleich als sie zum ersten Mal nackt neben ihm lag. Webster glaubte, dass er nur mit der Scholle würde glücklich sein können, und genauso glaubte er auch, eine Frau müsse Spiegeleier haben für die Liebe und das Glück.
Dieser Widerspruch ist ihm eines Tages selbst aufgefallen. Wenn man sie liebt, ist ihr Körper das einzig Wahre, hatte er im Tagebuch notiert. Im Laufe der Jahre und während seiner noch mehrfach wechselnden Beziehungen fand er diese Vermutung immer wieder bestätigt, so dass er sie jetzt für eine Erkenntnis hielt.
Davon hatte Vermeer offenbar keine Ahnung. Man müsste es ihm erklären, die geheime Gemeinsamkeit, die innere Typologie, das wahre Beuteschema. Du hast keinen Schimmer, hob Webster an. Doch dann ließ er ab. Es war aussichtslos. Plötzlich konnte Webster sich vorstellen, die Freundschaft zu kündigen. Ein Gedanke, flüchtig wie ein Reh auf einer Lichtung, aber er hatte ihn gesehen. Das Leben ist kurz, und lang die Nacht. Er war maulfaul, viel zu faul, und Vermeer würde seinen Erläuterungen wohl ohnehin nicht folgen können. Die Augen glänzen, doch der Blick ist stumpf. Das Mundwerk still, der Atem tief. Rotwild ist vom Läufertyp, Reh vom Schlüpfertyp. Was wir wissen, ist ein Tropfen, was wir nicht wissen, ist ein Ozean. Liebe, ein Ozean mit sieben Siegeln.