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Angenehm gelangweilt

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Vermeers Balkon. Vermeer hatte alles Licht in der Wohnung gelöscht und zwei schwitzende Flaschen mitgebracht, die er jetzt öffnete. Er schenkte ein. Dieses Geräusch, wenn das Pilsken schaumig in den Becher läuft. Sie stießen leise an und tranken. Setzten die Gläser vorsichtig ab, schweigend.

Unter und zugleich vor ihnen die wenig befahrene und selten begangene Straße. Sie lauschten dem Tok-Tok-Tok eines Paars Stöckelschuhe und warfen sich einen Verschwörerblick zu, es war ein flinkes Tok-Tok-Tok, das auf eine junge Schuhträgerin schließen lies, aber man hätte sich aus der Liege erheben und an die Balkonbrüstung herantreten müssen, und möglicherweise einen Blick auf die Trägerin werfen zu können, und so sahen sie sich nur an, zuckten träge mit den Schultern, hoben die Gläser und tranken.

Sie sahen den Parkplatz und die weitläufige Einfahrt des PP-Hotels sehen, das Gebäude selbst etwas zurückgesetzt. Der Umriss des PP-Hotels stand schwarz vor dem mittlerweile tiefroten Abendhimmel. Der Anblick der Aufbauten auf dem Flachdach erinnerte Webster stets an einen Kinofilm, den er vor Jahren zufällig im Fernsehen gesehen hatte, aber er wusste nicht mehr, an welchen.

Sie tranken langsam und schweigend und lauschten dem Grollen der Stadt, das hinter dem Hotelgebäude seinen Ursprung zu haben schien, und in dem man nur gelegentlich ein Geräusch identifizieren konnte, mal ein metallisches Kreischen, das vielleicht von einer Straßenbahn oder vielleicht von einem Güterzug erzeugt wurde, mal ein Martinshorn, meistens zwei, die möglicherweise gemeinsam in die gleiche Richtung fuhren. Der mächtige Bau des Hotels schien die Geräusche etwas abzudämpfen und zu reflektieren, weshalb die Richtung, aus der ein Geräusch zu kommen schien, sich manchmal abrupt änderte.

Ich geh mal Altlasten entsorgen, sagte Vermeer und erhob sich. Waren sie sehr ausgelassen, überboten sie sich im Erfinden von Synonymen für den Toilettengang. Mal Kachelkontrolle. Mal nachschauen, was die Pferde machen. Einmal bekam Vermeer ein Fax aus Darmstadt. Sonst sprachen sie wenig bis nichts.

Vermeer hob vorsichtig eine Flasche nach der anderen vor seine Augen, kontrollierte, ob sie tatsächlich leer waren, bündelte sie so in seiner Faust, dass sie nicht aneinander stießen, drückte die Balkontür auf und verschwand.

Webster lauschte dem gedämpften Klingeln einer wohl mit Textil oder Gummi bezogenen Kette, die um einen Laternenpfahl geschlungen wurde, dem Rasseln eines umfallenden Fahrrades, dem Fluchen eines Mannes.

Vermeer kam mit zwei neuen Flaschen zurück, schenkte beiden ein, stellte die Flaschen auf die Untersetzer und versuchte, sich geräuschlos auf die Polster zu legen, was aber nicht gelang. Webster warf Vermeer einen dankbaren Blick zu, danach stießen sie in der Luft an und tranken.

Der Himmel hinter dem Hotel war mittlerweile grün oder blau. Im Foyer des Hotels war das elektrische Licht eingeschaltet worden und warf seine Gelblichheit auf die Hoteleinfahrt. Die Fassade war jetzt gezeichnet mit einigen Rechtecken, in denen gelbliches Licht ruhig stand, und einigen, in denen das Licht bläulich variierte.

Sie schwiegen und tranken und lauschten und schauten, und manchmal, sehr selten, wenn das Grollen der Stadt leise genug geworden war, glaubten sie, das Geräusch des in sich zusammensackenden Schaumes auf ihren Bieren zu hören, das leise Platzen der kleinen Bläschen, doch wer weiß, vielleicht war es auch nur Einbildung, denn um die Stille zu schützen fragte keiner der beiden den anderen, ob er es auch höre, und so konnte man nicht sicher sein, und das war auch in Ordnung so.

Beim nächsten Bier vernahmen die das Klappern von Münzen in einer Blechdose. Ein abgerissener Einbeiniger hatte sich in der Einfahrt des Hotels postiert und schüttelte, mit den Ellenbogen auf seine beiden Krücken gestützt, eine emaillierte Tasse, wenn Hotelgäste aus der Drehtür kamen oder auf das Hotel zugingen. Den hatten sie noch nie hier gesehen. Nach einer Weile traten zwei Hotelbedienstete aus dem gelblichen Licht des Foyers und sprachen mit dem Einbeinigen, sie konnten aber nichts verstehen, die Stimmen blieben gedämpft. Vielleicht forderten sie ihn auf zu gehen, sie machten mit langen Armen Gesten vom Haus weg. Schließlich kippte der Einbeinige die Münzen aus der Blechtasse in die hohle Hand, führte die gefüllte Faust für einen Moment in die eine Jackentasche, steckte die leere Blechtasse in die andere, nahm seine Krücken in Betrieb und verließ die Einfahrt.

Stumm und gleichmütig saßen die beiden Freunde auf dem Balkon, drehten die Gläser in den Händen, reglos atmend, beobachtend und zugleich nicht beobachtend, und angenehm gelangweilt, denn das war die Qualität, die sie gerne miteinander teilten.

Sie tranken und lauschten dem Rollgeräusch von Autoreifen, offenbar fuhr ein Fahrzeug gemächlich vor Vermeers Haus vorbei. Dann erkannten sie in der Hotelauffahrt eine cremefarbene Limousine von übertriebener Länge. Eine Gestalt im Kapuzenpullover stieg aus, durch die Stangen des Geländers hindurch versuchten sie zu erkennen, wer es war, vielleicht jemand, den man kannte, Kayne West womöglich, wahrscheinlich aber nur der letzte Gast einer bekifften Hochzeitsfeier.

Webster setzte sein Glas ab, mühte sich aus der Liege, ging mal rückwärts trinken. Bemerkte auf der Toilette sein starkes Schwanken, und wieder zurückgekehrt, hielt er sich am Rahmen der Balkontür fest und murmelte Also, und als Vermeer sich nach ihm umgewandt hatte: Mussma. Wirzeit.


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