Vielleicht gab es einmal einen Autor, der jeden Morgen das Orakel befragte. Wenn er an seinen Schreibtisch saß, ließ er vielleicht ein Paar Würfel über den Wahrheitsgehalt des nächsten Kapitels entscheiden. Das waren seine Regeln: Würfelte er einen Pasch, musste er ein vollkommen wahres Kapitel schreiben, ohne etwas zu verändern, wegzulassen oder hinzuzufügen. In allen anderen Fällen durfte er seiner Phantasie freien Lauf lassen oder – nennen wir das Kind beim Namen: lügen wie gedruckt.
Dieser Autor, er lebte vielleicht im vorigen Jahrhundert oder in dem Jahrhundert davor, berühmt ist er mit seiner Methode sicherlich nicht geworden, sonst kennten wir seinen Namen und seine Werke, und in allen größeren Städten stünden Statuen zu seinem Andenken. Oder vielleicht ist er trotz seiner Methode ein berühmter Autor geworden, und zwar dadurch, dass er uns seine Methode verschwiegen hat. Vielleicht hat dieser Autor aber auch nie gelebt.
Oder vielleicht ist dieser Autor ein Zeitgenosse, der vielleicht just in diesem Moment die Würfeln fallen lässt, um sein Werk fortzuschreiben. Vielleicht gilt bei ihm die umgekehrte Regel: Nur wenn er einen Pasch wirft, darf er die Wahrheit verändern, Erfundenes hinzufügen und Missliebiges weglassen. Allerdings wissen wir nicht, wie oft er würfeln durfte, bis er endlich ein Pasch hatte. Vielleicht hat er schon längst vergessen, nach welchen Regeln er würfelt und schreibt. Vielleicht interessiert ihn die Wahrheit aber auch gar nicht, weil er denkt oder glaubt oder weiß, dass alles, was wir für eine Wahrheit halten, ein Produkt unserer Gedanken ist, mehr nicht, aber vielleicht auch nicht weniger.
Vielleicht spielt Wahrheit in der Tat nur eine ganz kleine Rolle in unserem Leben, eine Nebenrolle, von der wir vielleicht nur glauben, dass sie die Hauptrolle sei. Vielleicht sind es vor allem unsere Gedanken und Gefühle und Befindlichkeiten, die uns interessieren, und nicht die Tatsachen, schon gar nicht die nackten. Vielleicht gibt es keine Gewissheit, und wir sind dazu verurteilt, für immer im Halbdunkel unserer Mutmaßungen, Vorstellungen und Ahnungen zu leben, vielleicht.
Vielleicht bist Du ein Leser, vielleicht eine Leserin, vielleicht irgendwas dazwischen, vielleicht beides zugleich, vielleicht spielt das überhaupt keine Rolle. Vielleicht denkst Du Dir zu diesem Text, was Du Dir zu diesem Text so denkst, und es würde sich vielleicht gar nichts ändern, wenn Du die sogenannte Wahrheit erführest, egal ob nackt oder bekleidet. Vielleicht lassen wir das einfach mal so stehen.
Wäre dieser Text ein Buch, dann wäre hier vielleicht eine gute Stelle um aufzuhören.