Der Autor glaubt, dass sein Webster-Projekt in einer Tradition steht. Zwar ist der Blog-Roman von seinen Vorgängern unterschieden, wie sich im Folgenden zeigen wird, er weist aber eine entscheidende Gemeinsamkeit auf: die Ent-Linearisierung, also die Abwesenheit einer vom Autor intendierten Reihenfolge des Lesens.
Hyper-?
Die aus dem Griechischen stammende Vorsilbe hyper- hat sich in der Bedeutung von über- oder super- bei uns, vor allem in der medizinischen Fachsprache, eingebürgert und bezeichnet ein Übermaß, eine Steigerung oder Überschreitung des Normalen.
Hypertext
Ein Hypertext ist Netzwerk miteinander verknüpfter Texte. In diesem Netzwerk kann (und muss!) die Leserin sich viel freier und eigenverantwortlicher bewegen als in einem normalen Text. Darin besteht die Steigerung gegenüber normalen Text. Siehe auch: What is Hypertext?
Hypermedium
Kommen zum Text noch Bilder, Audio- oder Videodateien hinzu, spricht man von Hypermedium. Bestes Beispiel: das World Wide Web ist ein gigantisches Hypermedium, und zugleich die größte und öffentliche Ausprägung des Hypertextkonzepts.
Konzept Hypertext
Der früheste Bekannte Beschreibung des Konzepts Hypertext stammt von Vannevar Bush (*1928, †1974). Er stellte im Jahr 1945 eine fiktive Maschine namens Memex (Memory Extender). Sie ist noch als ein individuell genutztes Hypertextsystem mit individuell angelegten Verknüpfungen gedacht, eine Art technische Nachbildung der Assoziationen des menschlichen Gehirns, und zugleich eine Möglichkeit der dauerhaften Speicherung von Assoziationen.
Dass eine Hypertextstruktur auch ohne Maschine möglich ist, hat Niklas Luhmann (*1927, †1998) mit seinem Zettelkasten-System bewiesen. Es kann heute digitalisiert im Niklas Luhmann-Archiv besichtigt werden. Jeder Zettel ist mit einer im gesamten Zettelkasten einmaligen Zeichenkombination markiert, zum Beispiel: 57,4e7b1, wodurch kurz und zugleich eindeutig auf diesen Zettel verwiesen werden kann.1
Begriff
Der Begriff Hypertext wurde erst in den 60er-Jahren von Theodor Holm Nelson (*1937) geprägt, und zwar in einem Vortrag über eine Dateistruktur für das Komplexe, das Veränderliche und das Unbestimmte (A File Structure for the Complex, the Changing, and the Indeterminate). Da der Mann nicht nur Informatiker war, sondern auch Philosoph, hat er vielleicht nach einem Werkzeug gesucht, das geeignet war, ihn bei seinen Denkprozessen zu unterstützen, die mit Sicherheit komplex waren (complex), ständig in Bearbeitung (changing) und mit ungewissem Ausgang (indeterminate)2.
Geschichte
Zwar hatte Tim Berners-Lee (*1955)3 bereits im Jahr 1980 eine Notizen-App geschrieben, in der Querverlinkungen möglich waren, aber richtig Schwung bekam die ganze Hypertextsache erst mit dem Siegeszug des World Wide Web ab März 19954. Das Internet war seitdem nicht mehr länger eine Sache für Kernphysiker:innen, Militärs und andere Nerds, es wuchs mit beeindruckender Geschwindigkeit zum größten öffentlichen Hypertext der Menschheit.
Wissensdatenbanken und Tagebücher
Mit dem Aufkommen von Smartphones5 wurden Notizblöcke und Notizhefte durch Notizen-Apps ersetzt, anfangs vielleicht alleine deshalb, weil man die Notizen in einer App mühelos durchsuchen konnte, wohingegen das Stöbern im Notizbuch ein langwieriges und unzuverlässiges Verfahren war.
Moderne Notizen-Apps gehen einen Schritt weiter. Sie ermöglichen es, mit wenig Aufwand und ohne technische Kenntnisse die Notizen innerhalb der App untereinander und darüber hinaus mit Internetseiten zu verknüpfen. Einige schlagen der Benutzerin Verknüpfungen der enthaltenen Notizen vor, die sie selbst noch gar nicht kannte. Damit wird die Notizen-App zu einer Denk-Orthese. Der so entstehende Hypertext, sei er Wissensdatenbank oder Tagebuch, ist eine private Gedächtnis-Erweiterung.
Hyperfiction
Ist der Inhalt des Hypertexts fiktional, spricht die Wissenschaft von Hyperfiction.6 Das wäre demnach die wissenschaftlich korrekte Bezeichnung für das hier vorliegende Werk.
Lexikonroman
Etwas Ähnliches wie hier wurde bereits in Analog-Zeiten versucht, und zwar von Andreas Okopenko (1930–2010) mit seinem Lexikonroman. Titel in Originalschreibweise:
LEXIKON einer sentimentalen Reise zum Exporteurtreffen in Druden ROMAN
1970 erstveröffentlicht im Residenz Verlag Salzburg. Das Werk besteht aus mit Lemmata versehenen und alphabetisch sortierten Abschnitten, in denen mit Pfeilsymbolen (→) auf andere Abschnitte querverwiesen wird.
Darin heißt es im Abschnitt Lexikonromane:
Ich bestätige hiermit, daß ich die Verfasser weiterer Lexikonromane nicht als Nachahmer betrachten werde, denn auch ich betrachte mich, wenn ich einen Brief schreibe, nicht als Nachahmer irgendeines alten Hethiters oder, wenn ich Nullen porträtiere, nicht als Nachahmer Al Chwarizmis. Die Möglichkeit Lexikonroman ist ein Topos, also ein Platz, der von allen begangen, behinkt und schlittschuhbelaufen werden kann. Hierzu rufe ich nachgerade auf, nicht nur einzelne, sondern auch Kollektive.
Footnotes
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Die Hypertext-Struktur von Luhmanns Zettelkasten kann hier nur unvollständig und grob skizziert werden: Enthält ein Zettel nur einen einzigen Verweis auf einen anderen Zettel, sind die Zettel als Stränge (linear) verknüpft. Daneben enthält der Zettelkasten auch Sachregister, das sind Zettel, die zu einer Vielzahl von Begriffen auf zahlreiche andere Zettel verweisen, wodurch eine sternförmige Verknüpfung entsteht. Die Verknüpfungen der allermeisten Zettel dürfte eine Mischform sein, derart dass ein Zettel einen logischen Nachfolger hat und zugleich auf mehrere andere Zettel querverweist. ↩
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also genau wie der Hypertext, den wir hier vor uns haben ↩
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Entwickler des ersten Webservers, somit Vater des WWW ↩
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Das CERN bot im März 1995 ein zweitägiges Seminar an, in dem 250 europäischen Medienvertreter:innen das WWW vorgestellt und das Surfen erklärt wurde. Das Event muss man sich ungefähr so vorstellen: Es standen 60 PCs zur Verfügung, darauf lief eine primitive Version eines Browsers, vermutlich Netscape. Je 4 Journalisten teilten sich einen PC, je zwei solcher Grüppchen wurden von einem CERN-Studenten betreut, der ihnen erklärte, was ein Browser ist, wie man eine URL eingibt, wie man mit der Mouse auf einen Link klickt, und wie man Links, die man bereits geklickt hat, von denen unterscheidet, die man noch nicht geklickt hat. Jene Webseiten sahen, verglichen mit den heutigen, ziemlich roh und primitiv aus, hatten aber mit den heutigen eines gemeinsam: Sie waren mit derselben Sprache gemacht. Die Webseiten damals waren in einer ersten Version jener Sprache geschrieben, in der bis heute Webseiten geschrieben sind, und diese Sprache heißt zu Recht Hypertext Markup Language (HTML), das ist, für den technischen Laien etwas frei, aber umso sinngemäßer, übersetzt: Sprache zur Verknüpfung von Texten untereinander oder auch Sprache, mit der man einzelne Wörter eines digitalen Dokuments markieren kann, so dass sie auf Klick eine anderes digitales Dokument laden. ↩
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etwa ab Mitte der Nullerjahre ↩
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Wo die Wissenschaft Recht hat, hat sie recht. Trotzdem: Wir selbst sind hier nicht so genau. ↩