Tagebuch. Vielleicht fehlen in unserer Kultur Worte und Wendungen, die wir dringend brauchen, um innere Vorgänge zu beschreiben. Vielleicht können wir sprachlich nur bezeichnen, was man sehen, vermessen und anfassen kann. Vielleicht sind wir im Benennen der Außenwelt tatsächlich perfekt: Wenn ein Behälter aus Blech ist, heißt er Dose, ist er aus Pappe, ist es ein Karton, aus Holzlatten eine Kiste, aus Holz ein Kasten, ab einer gewissen Größe eine Truhe, zum Transport von Leichen ein Sarg, und so weiter. Vielleicht können die meisten von uns nicht zwischen Gefühl, Emotion und Stimmung unterscheiden. Vielleicht lernen wir ein differenziertes Vokabular für unser Gefühlsleben erst in einer Psychotherapie. Vielleicht lernen wir das Vokabular zur Beschreibung anderer mentalen Vorgänge überhaupt nie. Vielleicht ist der Vorgang des Denkens bei einem Mathematiker vollkommen anders als bei einem Komponisten, und noch einmal anders bei einem Philosophen und bei einem Poeten. Vielleicht denkt ein Maler in Bildern, ein Komponist in Tönen, ein Bildhauer in Formen, ein Architekt in Räumen, ein Mechaniker in Kräfteverhältnissen, ein Sozialarbeiter in Beziehungen. Vielleicht lernen wir subtilere geistige Vorgänge gar nicht kennen, wenn sie uns nicht beschrieben und dadurch gezeigt werden. Vielleicht sind innere Haltungen nicht direkt vermittelbar, und man kann allenfalls geistige Umstände schaffen, die deren Aufkommen und unser Hineinfinden hoffentlich begünstigen. Vielleicht ist der Yoga so etwas wie eine innere Haltung, die wir gegenüber dem Leben einnehmen. Vielleicht fehlt unserer Kultur das Vokabular zur Beschreibung dessen, was man beim Yoga mental tut beziehungsweise unterlässt. Vielleicht fehlen in unserer Kultur Worte und Wendungen, die wir dringend brauchen, um innere Vorgänge zu beschreiben. Vielleicht haben wir eine Chance, mit hinreichend treffenden Metaphern und Umschreibungen das Gemeinte so eng einzukreisen, dass selbst der Ahnungslose eine Ahnung bekommt. Vielleicht versteht nur jemand, der ohnehin weiß, worum es geht, was mit diesen Metaphern gemeint ist. Vielleicht ist es genau genommen gänzlich unmöglich, den inneren Yoga zu lehren. Vielleicht genügt es, um Yoga zu lehren, dass man den Schüler dazu bringt, alle Vorstellungen und Meinungen zu verwerfen und alles zu vergessen, was er über den Yoga zu wissen glaubt. Vielleicht wäre der Gesellschaft sehr geholfen, wenn wir auf Meinungen und Urteile verzichteten und alles so akzeptierten, wie es ist. Vielleicht ist alles ohnehin genau so, wie es ist, und es spielt überhaupt keine Rolle, wie wir es beurteilen und was wir darüber meinen. Vielleicht wäre das ein geeigneter Beitrag, menschliches Leben auf diesem Planeten noch dauerhaft möglich zu machen.
Sprachlosigkeit
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