Tagebuch. Die Kollegen aus der Palette haben mich heute wieder nach einem Verkaufsgespräch mit dem Kommentar überrascht, im Verkaufsgespräch mit der Kundin hätte ich aber wieder tüchtig geflirtet. Diese Bemerkung fiel nicht zum ersten Mal, meine Überraschung darüber ebenfalls. Es trifft zu, dass ich Freude an dem Gespräch hatte. Die Kunden ist mir sympathisch, wir kennen uns schon lange und so ist im Laufe der Jahre eine Art Bekanntschaft entstanden, obwohl wir uns noch nie privat verabredet haben und ich auch keinerlei Neigung dazu spüre. Die Verkaufsgespräche sind so wie ich sie liebe: sie hört aufmerksam zu, denkt mit und stellt im richtigen Moment die richtigen Fragen. Und so war mir das Gespräch ein Fest, und ich wollte, dass sie das weiß. Aber ich habe nichts mit ihr im Sinn. Wie sich das anfühlt, wenn ich scharf auf eine bin, das weiß ich sehr genau. Dem war hier nicht so. Ich hatte auch professionell nichts mit ihr im Sinn, ich wollte ihr nicht um jeden Preis diese teuren Spezialwerkzeuge verkaufen, zwar dachte ich, dass sie sie. brauchen könne, aber sie sollte sie nur dann kaufen, wenn sie selbst wirklich davon überzeugt war. Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass es bei ihr kein Interesse an meiner Person gibt, sie war wirklich ganz sachlich an Informationen über die Werkzeuge interessiert. Weder habe ich mir ihr geflirtet, noch sie mit mir. Oder sollte meiner Aufmerksamkeit etwas entgangen sein, was die Kollegen vielleicht gesehen haben?
Ich frage mich schon seit langem, was die Leute mit Flirten meinen. Ich habe den Eindruck, jede öffentliche Zugewandtheit und alles freundliche Begegnen wird einem als Flirten ausgelegt. Ist man nicht stumpf, nüchtern, sachlich bis zur Kälte, schon wird einem nachgesagt, man sei am Flirten. Nicht nur bei Augenkontakt und Lächeln, sondern auch, wenn man mit warmer Stimme spricht, wenn man tief zuhört und dem Gegenüber Raum gibt, sich zu entfalten, schon ist man am Flirten. Bisher haben es immer Kollegen mir nachgesagt, aber vermutlich wird der Tag kommen, an dem eine Kundin mich beschuldigt mit ihr zu flirten. Beschuldigt! Mit einem Unterton, als ob ich sexuell übergriffig wäre. Sicher gilt die Faustregel, wer poppen will, muss fründlich sin, die ich vor Jahren mal von einem Kölner gelernt habe, und zwar nicht nur im Raum Köln, der Umkehrschluss hingegen, wer fründlich iss, will poppen, ist weltweit falsch.
Wenn das wahr wäre, gäbe es keine absichtslose Zugewandtheit, keine zweckfreie Freundlichkeit, sondern sie dienten nur als Mittel zum Sex. Vielleicht ist das wahr, ich aber glaube es nicht, und ich möchte in so einer Welt nicht leben. Wir alle sind nur für eine begrenzte Zeit miteinander lebendig, und während dieser Zeitspanne sollten wir dem Tod ein Schnippchen schlagen, indem wir während dieser begrenzten Zeit eine gute Zeit haben, nicht nur jeder für sich allein, sondern auch zu zweit und zu mehreren, ganz gleich, welche Umstände uns zusammengebracht haben und was wir gemeinsam erreichen wollen. Zwar schließt der Ausdruck eine gute Zeit haben Sex mit ein, ist aber nicht beschränkt darauf. Eine gute Zeit wünsche ich mir also nicht nur im geschützten Privatbereich, sondern auch, und vielleicht vor allem, in der Öffentlichkeit, vielleicht beim Einkaufen, bei der Reise mit öffentlichen Verkehrsmitteln, und natürlich auch am Arbeitsplatz. Kollegen, bitte, seid nicht so banal!
→