Züge, die auf dem Weg in die Große Stadt waren oder aus der Großen Stadt kamen, rauschen hier mit vielleicht gar nicht oder nur kaum reduzierter Geschwindigkeit durch und hielten die beiden Gleise links und rechts des alten Bahnhofsgebäudes blank. Alle anderen Gleise wurden vielleicht gar nicht oder nur in sehr seltenen Ausnahmefällen noch befahren, sie waren rostig, und zwischen ihren Schwellen stand das Unkraut kniehoch, und vielleicht war es einigen Birken gelungen, hier Wurzeln zu schlagen. Vielleicht bestand wirklich keine Gefahr, dass hier Kinder auf den Gleisen spielten oder ein müder Betrunkener eine Abkürzung nach Hause suchte. Vielleicht genügte es tatsächlich, alle 30 Meter Schilder aufzustellen, auf denen man schwarz auf gelb lesen konnte: Lebensgefahr! Betreten der Gleise verboten. Eltern haften für ihre Kinder. Wer hier unter die Räder kam, der beging eine Ordnungswidrigkeit und war allein selbst für sein Ableben verantwortlich. Vielleicht war das die Rechtslage. Der alte Bahnhof wurde seit vielleicht zwanzig Jahren nicht mehr genutzt, vielleicht weil die Bahn sich nicht mehr für die kleineren Bahnhöfe interessierte, vielleicht weil hier keine Fahrgäste mehr ausoder einstiegen, vielleicht auch umgekehrt.
Das alte Bahnhofsgebäude war vielleicht zehn Jahre lang leergestanden, vielleicht weil es als Baudenkmal einigen Schutz genoss, vielleicht weil man sich nicht einig wurde, wer einen Abriss zu finanzieren hatte. Vielleicht dank einer Bürgerinitiative, vielleicht auf Betreiben des Sponsors, wurde das alte Gebäude zunächst als Kunstund Kulturbahnhof wieder belebt. Als der Bahnhof nach wenigen Jahren wieder geschlossen wurde, gab es vielleicht ein paar Personen, die das verstanden und die tatsächlichen Gründe dafür kannten, die meisten waren auf Mutmaßungen angewiesen. Vielleicht hatte kaum jemand jemals eine Ausstellung besucht, Webster jedenfalls war niemals im Kunstund Kulturbahnhof gewesen, vielleicht hatte der Sponsor das Interesse verloren, vielleicht beides.
Vielleicht nur wenige Jahre später öffnete der Bahnhof wieder, diesmal als Rickenbacker Club, möglicherweise getragen vom hiesigen Berufsverband Jazz oder von einer Bürgerinitiative, die viel städtische Förderung eingeworben, eigens einen Verein gegründet und ihn eintragen lassen hatte. Indem man Mitglied wurde, konnte man möglicherweise das Überleben dieses Projekts sichern, und weil er das Projekt für vielleicht wichtig und förderungswürdig erachtete, ist Webster schon sehr bald, vielleicht nach dem ersten oder zweiten Konzert, in den Verein eingetreten. Für einen vergleichsweise lächerlichen Jahresbeitrag genoss er seitdem freien Eintritt, und so hörte er einigermaßen regelmäßig, vielleicht einmal, vielleicht zweimal pro Monat, wahllos irgendwelche regionalen Newcomer, auf die er vielleicht sonst nicht aufmerksam geworden wäre. Außerdem konsumierte er tüchtig von den in reicher Auswahl angebotenen alkoholischen Getränken, vielleicht weil er glaubte, den Eintrittspreis gespart zu haben, vielleicht weil er hoffte, auf diese Weise das Projekt noch intensiver zu fördern.