Zum Inhalt springen
Zurück

Die Stadt

Zuletzt geändert:

Die Stadt, in der er lebte, war möglicherweise schön, obwohl einige sagten, sie gefalle einem vielleicht am besten, wenn man sie mit dem Rücken ansah. Vielleicht hatte die Stadt eine halbe Million Einwohner, vielleicht fast eine ganze. Sicherlich war sie eine Großstadt, vielleicht seit dem vorigen Jahrhundert, vielleicht schon länger. Man darf sie sich vorstellen als einen Ort, der seit dem Mittelalter fortwährend Standort von irgendwas gewesen ist, Residenz eines mehr oder weniger edlen Adligen, Sitz eines korrupten Bischofs. Hier wurde vielleicht ein Frieden geschlossen oder ein Genozid geplant, ein Revolutionär gehenkt oder eine Äbtissin geheiligt.

Zum Zeitpunkt der Erzählung war diese Stadt vielleicht ein Regierungssitz, vielleicht auf Landesebene, ganz sicher aber auf Kreisebene. Hier residierten mehrere börsennotierte Konzerne, von denen einige multinational tätig waren, hier war vielleicht ein Schulungszentrum angesiedelt, vielleicht einer Versicherung, vielleicht auch mehrere. Filialen der größten Wirtschaftsprüfer-Kanzleien wurden hier eröffnet, Unternehmensberater und Anwaltskanzleien mit unterschiedlich zweifelhaftem Ruf hatten sich hier niedergelassen. Mindestens eine NGO, die im linksalternativen Spektrum hohes Ansehen genoss, betrieb hier ihr Hauptquartier, und mehrere gemeinnützige Stiftungen, von denen eine nach einem Schriftsteller, eine andere nach einer Zeitschrift und eine weitere nach einem Ehepaar benannt war, gaben diese Stadt als ihre postalische Adresse an und hatten vielleicht auch tatsächlich ihre Büros hier. Wer es in New York nicht schaffte, und auch in Tokyo nicht, der wurde vielleicht hier groß, reich, mächtig und richtig wichtig.

Vielleicht war diese Stadt so einzigartig wie fünfzig andere, so unverwechselbar wie ein unbeschriebenes Blatt. Vielleicht wurde man ihr nicht gerecht, wenn man ausschließlich in die Waagschale gab, was sie hatte und was nicht. Vielleicht ist unser Erleben einer Stadt viel stärker dadurch geprägt, wen man dort kennt, wen man liebt und nicht missen möchte. Vielleicht wird es niemals eine Einigung geben, wie eine Stadt ist. Wer diese Stadt lieben wollte, der konnte sie lieben und tausend triftige Gründe dafür finden, und wer sie hassen wollte, der konnte sie von Herzen hassen und seinen Hass mit Hunderten von Argumenten belegen.


Schlagworte