Tagebuch. Neue Kundin heute, sehr speziell, suchte einen Speckstein. Wie sie, wenn ich ihr einen Stein reichte, ihn sehr behutsam und mit beiden Händen entgegennahm und sein Gewicht fast zärtlich von einer Hand in die andere übergab, ohne die nicht tragende Hand dabei vom Stein zu lösen. Und dann, als sie den Blick vom Stein hob, wieviel Prüfendes, Fragendes, Durchdringendes lag da in ihren Augen? Und wie gründlich sie jeden Stein einer zweiten Prüfung unterzog und mit geschlossenen Augen seine Glätte tastete, und wie sie ihn ins Licht hielt, um seine Maserung zu sehen. Und dann, als der richtige gefunden war, ihr blanker Blick, mit dem sie aufschaute, mir in die Augen, und wie ihr Lächeln sich anbahnte, die Augen leuchtend wurden, bis sie, während ihr Blick feucht und glänzend und unverschämt lange auf mir lag, Der ist es! sagte. Wie ich mir da wünschte, dieser Blick würde mich meinen, nicht den Stein, da bin ich, glaube ich, rot geworden. Ich vergaß vollkommen, sie mir sonst noch anzuschauen.
Nachdem sie bezahlt hatte, schob sie mir ganz langsam einen Flyer über den Tresen, sah mich wieder so durchdringend an wie vorhin beim Prüfen des Steines, und sprach feierlich: Mein Herr, sprach sie, ich erlaube mir, Sie zu meiner nächsten Vernissage einzuladen.
Wie man sich vielleicht nach einem Segeltörn bei stürmischer See auf den Hafen freut, so freue ich mich auf das Wochenende. Wie ich dieser Veranstaltung entgegenfiebere, das macht deutlich, dass ich diese Vernissage keinesfalls versäumen darf, da gibt es kein Vielleicht, kein Möglicherweise, kein Eventuell, sondern keinesfalls darf ich diese Vernissage versäumen, will ich nicht bis ans Ende meiner Tage hättste, hättste, hättste denken.