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Gerti

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Medias Res. Hier konnte man sicher sein, keinem der bekannten Gesichter zu begegnen. Heute machte Pete, sein alter Zechkumpan, den Chef vom Dienst hinterm Tresen, was vielleicht bedeutete, dass er alle Drinks umsonst bekommen würde. Schon trat er in wadenlanger weißer Schürze aus einer Tür hinterm Tresen und erkannte sofort seinen Überraschungsgast. Was darf es denn sein bei dem Herren, fragte er mich mit absichtlich schmieriger Professionalität. Das war so die ironische Art, wie die beiden sich begrüßten.

Er bestellte einen Singapore Sling. Ein Stück Ananas steckte auf dem Rand des Glases.

Hoch und hell der Raum, gut zur Hälfte besetzt, wach und schön die Gesichter der jungen Menschen an den Tischen, etwas zu laut ihr Gelächter vielleicht, kross garniert die Gedecke, licht das Klimpern der Messer und Gabeln. Am Tresen saß er als einziger Mann, zwei Hocker weiter eine bedrückt wirkende Frau. Pete zapfte einige Biere, bevor er sich wieder zu ihm setzte. Ganz schön leer, der Laden, lauer Job, oder? Pete widersprach und kündigte an, ab zehn, spätestens elf Uhr werde der Laden brummen.

Ein hagerer Hüne kam hinzu, etwa Ende Vierzig, grüßte freundlich und fragte Pete, ob alles in Ordnung. Pete stellte ihn vor als seinen Boss. Der Besitzer und Geschäftsführer hatte ein Architekturstudium abgebrochen, war der Architektur aber trotz der Gastronomie irgendwie treu geblieben und schrieb nebenher für eine Architekturzeitung bissige Verrisse der neuesten Renditeobjekte im Umkreis von etwa vierzig Kilometern. Er spendierte einen Grappa und verschwand.

Die bedrückt wirkende Frau rückte zwei Barhocker näher, stieß etwas zu heftig mit Pete an und sagte, sie habe unserem Gespräch zugehört, kenne die Architekturkolumne und fände sie saustark. Pete wischte die Bierlache auf. Hat voll Recht, der Mann, voll guter Typ, sagte sie und grinste Pete an. Die Frau, selbständige Architektin, stellte sich auf der Fußraste des Hockers auf, so dass sie sich weit über den Tresen zu Pete rüberbeugen konnte, und forderte ein Bussi. Mein Gott, Gerti, sagte Pete, kannst du das mal lassen, wandte sich ab und polierte Gläser. Sie sank auf ihren Hocker zurück und zog einen übertriebenen Schmollmund. Aus der Nähe sah ihre Nase aus wie eine junge Erdbeere. Sie zeigte dem abgewandten Pete einen Stinkefinger, kicherte selbstzufrieden und forderte ihren Hockernachbarn auf, mit ihr anzustoßen. Er holte tief Luft und tat ihr den Gefallen.

Gegen zehn wurden die Tische leerer, am Tresen aber wurde es eng. Das lag nicht nur an den zahlreichen Pilstrinkern, sondern auch an Gerti, die ihren Hocker hergegeben hatte und jetzt darauf bestand, mit einer Arschbacke an seinem Hocker teilzuhaben. Er ließ ihr den ganzen. Pete stellte ihm einen weiteren Singapore Sling hin, er winkte ab, den hatte er nicht bestellt. Die Freunde der Barkeeper sind die Freunde des Hauses, erklärte Pete. Womit er vielleicht beteuern wollte, dass der Abend für ihn kostenlos.

Gegen elf wurde der Raum wattig und diffus, die Wände rückten auseinander, die Decke senkte sich. Über allem plötzlich ein heller Dunst, die Geräusche verloren an Schärfe. Die kleinen Dinge auf dem Tresen, Gläser, Zigaretten, Aschenbecher, Feuerzeuge, eine metallene Dose mit Zuckerwürfeln, alles hatte etwas Magisches an sich, alles glimmte milde, oder strahlte sanft, wie mit Perlmutt übergossen.

Gerti wurde charmant, er blieb reserviert. Pete vergaß die beiden für eine Weile, er hatte zu zapfen. Gerti wurde forsch, er wurde schroff. Pete stellte ungefragt einen weiteren Singapore Sling hin, den er nicht mehr abwinkte. Gerti hielt, wem auch immer, einen langen Monolog, in dem die Worten Chauvis, Machos und Schlappschwänze eine zentrale Rolle übernahmen, den er jedoch nur teilweise verstand, was auch an seinen Ohren lag, sicher, die nur noch recht unscharf wahrnahmen, vor allem aber daran, dass Gertis Aussprache zu wünschen übrig ließ.

Gegen zwölf bekam er Rückenschmerzen. Er war müde, hatte zu lange gestanden, ihm taten die Knie weh. Gerti höhnisch, er gelassen. Wahrscheinlich kannst du überhaupt nicht vögeln, krähte sie. Insgeheim hatte er daran durchaus seine Zweifel. Aber Gerti war vielleicht nicht die Person, mit der er diese Dinge gerne erörtern wollte. Gerti zornig, er kühl. Gerti versöhnlich, er wieder freundlich. Sie gab ihm einen Tequila aus, den er annehmen musste, weil er die Versöhnung besiegelte. Sie kippten.

Der Laden war fast wieder so leer wie zu Anfang, doch wirkte er jetzt dumpf und drückend, als ob eine Art Traurigkeit und Schwere auf ihm lastete. Die kleinen Dinge auf dem Tresen, Gläser, Zigaretten, Aschenbecher, Feuerzeuge, eine metallene Dose mit Zuckerwürfeln, alles hatte seinen Glanz verloren und sich scheinbar vervielfältigt.

Pete brachte einen weiteren Singapore Sling, den er nicht bestellt hatte. Er stützte sich mit den Ellenbogen auf den Tresen, damit Pete sein Schwanken nicht bemerkte. Pete, der Gertis Zudringlichkeit kannte, holte seinen Kumpel aus der Nummer raus durch den Vorschlag, wir können uns ein Taxi teilen, wenn ich fertig bin. Gerti war durchaus noch imstande zu kapieren, dass sie damit ausgebootet war. Sie schwieg und versank in sich selbst.

Gegen eins schmerzten außer Rücken und Knien auch seine Ellenbogen. Er war froh, als Pete mit kräftiger Stimme die letzte Bestellung verkündete. Aus einer Gruppe von sechs am Fenster stehenden Jungbullen löste sich einer und bestellte hastig nochmal vier helle. Von den wenigen anderen Gästen interessierte sich sonst niemand mehr für Petes Ankündigung, sie waren alle bedient. Gerti kippte rücklings vom Hocker, was einige Anteilnahme bei den Umstehenden erregte. Sie halfen ihr auf und stellten verwundert fest, dass sie sich keinen nennenswerten Schaden zugefügt hatte. Gerti erkannte, dass ihre Stunde gekommen war, zahlte und ging.

Pete kassierte bei allen Gästen außer bei seinem Kumpel, dämpfte das Licht, veranlasste die Kasse, mit spitzem Gekreisch einen langen schmalen Streifen auszuspucken, und spülte die Zapfhähne. Die Lichter wurden abgedreht, die Rolläden heruntergelassen, die Stühle hochgestellt, die allerletzten Gäste höflich zur Tür geleitet.


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