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Zweites Pils

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Neue Gäste kamen, tranken ihr Bier und zogen weiter. Die Dämmerung kroch in den Raum, und die Strahler am Tresen wurden eingeschaltet. Noch mehr Gäste kamen, einige blieben. Der Lärmpegel stieg, die Musik klang dumpf. Eine zarte Schwere befiel ihn. Webster drehte sein leeres Pilsglas auf dem Tresen und drückte die noch trockenen Stellen des Papiers, das unten den Stiel des Glases umschloss, auf den Standfuß, bis es vollkommen durchtränkt war. Wie nannte man eigentlich diesen Tropfenfänger? Musste er mal googeln.

Bierkragen, Bierrosette, Pilsdeckchen, Pilskragen, Pilsrosette

Noch eins?Sicher doch. Er folgte den jungen Bedienungen mit den Blicken, wie flink sie durch den mit Tischen und Menschen vollen Raum wuselten, mit ausgestrecktem Arm ein volles Tablett über den Köpfen der Gäste jonglierend.

Er beobachtete sie, wie sie mit ihren eleganten, fast gar nicht geziert wirkenden Bewegungen die Kellnerbörse öffneten, Geldscheine entgegennahmen, und zunächst von außen an die Börse drückten, das Rückgeld herausgaben und, nachdem der zahlende Gast Einverständnis signalisiert hatte, den erhaltenen Geldschein in die Börse sortierten.

Er betrachtete, wie sie am Tresen Bestellungen entgegennahmen, die vielleicht hübschere mit unbewegtem Gesicht, die andere meist mit einem Anflug von Lächeln. Fasziniert sah er zu, wenn sie sich vorbeugten, um die Bestellung am Display einzugeben, und folgte mit den Augen den kleinen Höckern der Rückenwirbel, die sich bei der einen scharf durch das T-Shirt abzeichneten, bei der anderen im tiefen Ausschnitt sich zeigten. Wie Perlen auf einer Schnur, dachte er, wie ein sehr gerader und sehr regelmäßiger Gebirgskamm.

Sie sprachen miteinander während einer kleinen Ruhepause, die mit den hochgesteckten Haaren drehte sich eine Zigarette, die andere nippte an einem Espresso. Wenn er sie miteinander hinterm Tresen stehen sah, war eindeutig die mit den hochgesteckten Haaren die hübschere der beiden. Sympathisch fand er allerdings die andere, die mit den kurzen Haaren, sie war nett, jedem ihrer Gäste zugewandt, ohn‘Ansehen der Person, auch zu ihm, dem deutlich älteren. Sie machte ihre Arbeit, als ob sie ihre Arbeit liebte. Sie bot sich dar, zeigte ihr Antlitz, verschenkte ihr Lächeln, als ob sie jeden ihrer Gäste liebte, als ob sie es genösse, gesehen zu werden, von ihren Gästen mit Blicken abgeleckt zu werden.

Er sah und erkannte die Liebenswürdigkeit der Kurzhaarigen, und schätzte sie sogar. Und doch: seine Faszination galt eindeutig der mit den hochgesteckten Haaren. Diese Faszination war in ihm als eine undeutliche körperliche Wahrnehmung, die sanft und herrisch Gültigkeit beanspruchte, ob er sie ignorierte oder nicht, und Druckmittel und Umwege erfand, um nicht ignoriert zu werden.


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